Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 3 (1917)
- Issue
- 1/2 (Januar-März 1917)
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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8 Kreise die äußere Kultur Europas aneignen, die innere willenbestimmende aber müßte ganz und gar aus der Thora geschöpft sein. Sehr gut kann dies durch einen Vorwurf illustriert werden, den man den Japanern zu machen pflegt. Man behauptet von ihnen, sie hätten sich Wohl die technischen und geschäftlichen Methoden der europäischen Kultur angeeignet, seien aber in Herz und Gesinnung Asiaten geblieben. Könnte man das von uns sagen, daß unser Volk die europäischen Methoden des technischen und geschäftlichen Könnens beherrscht, im Herzen aber Jude geblieben ist, so wäre das kein Vorwurf, sondern ein Lob. Denn die ethischen Elemente der europäischen Kultur, soweit sie Sittlichkeit, Grechtigkeit und Gottesglaube betreffen, sind ja jüdischen Ursprungs. Indessen ist das wirkliche Leben nicht so gefällig, die Möglichkeit dieser reinlichen Scheidung darzubieten. Es gibt keine Schule, in der nicht neben dem technischen Können, also neben äußerer Kultur, auch Weltanschauung mitgeteilt würde. Nicht einmal die Volksschule ist eine bloße Lehranstalt zur Vorbereitung für praktische Berufe. Um nur ein Beispiel zu nennen, der Begriff menschlicher Größe, der im Geschichtsunterricht selbst in der niedersten Schulgattung den Kindern als ideales Element mitgeteilt wird, ist ein ganz anderer als der, welche aus den Propheten zu schöpfen ist; dort ist Größe gleichbedeutend mit Kraft zum Herrschen, zum Unterjochen, hier vor allem mit sittlicher Größe, ja, selbst unleugbare geistige Größe wird erst anerkannt, wenn sie mit sittlicher Reinheit und Größe des Charakters verbunden ist. Es kann darum nicht wunder nehmen, daß diejenigen, die es ernst nehmen mit der Thora als alleinigem Maßstab des Lebens, ihre Kinder nicht in die Wirrnis einer zwiespältigen Lebensauffassung bringen möchten, nicht den Willen zum Judentum durch ihm entgegengesetzte oder ihn zum mindesten schwächende Anschauungskreise lähmen oder entkräften lassen wollen. Und doch ist der Abschluß von der Außenwelt eine Unmöglichkeit. Es rächt sich bitter, wen» eine junge Generation entdeckt, daß ihr eine ganze große Geisteswelt unterschlagen, vorenthalten wurde. Vielen Maskilim- Erzählungen merkt man es an, daß es die Kränkung über ein vermeintlich an ihm begangenes Unrecht ist, das den Erzähler dem religiösen Nihilismus in die Arme trieb. Solche Enttäuschte betrachten sich nicht nur nicht als Überwinder und Besieger einer fremden Anschauung, sondern sogar als arme Betrogene, die man um das Licht der Kultur gebracht hatte.