Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 3 (1917)
- Issue
- 1/2 (Januar-März 1917)
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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7 chasstdischen Kreisen oft mit Genugtuung hingewiesen wird auf die praktischen Fähigkeiten der Söhne und Töchter, die sich in geschäftlichen Korrespondenzen oder sogar in politischen Dingen tadellos zurecht studen. Es ist sehr leicht, über diesen Standpunkt bedauernd die Achsel zu zucken oder ihn mit einem Schlagwort Fanatismus oder eine ähnliche Liebenswürdigkeit abzutun. Wissenschaftlich ist das nicht, wissenschaftlich sein heißt: aus den Ursachen begreifen. Und hier kann sich das Wort „Begreifen heißt verzeihen" vielleicht sogar Umwandeln in „Begreifen heißt verehren". Um eine eigene Stellungnahme zu dem Problem zu gewinnen, wollen wir uns das Problem selbst erst klar machen. -- Ist die westeuropäische Kultur notwendig im Gegensatz zum Judentum oder ist der Gegensatz ein zufälliger? Um über die Frage zu urteilen, müssen lvir erst den Begriff Kultur klar erfassen. Nun ist Kultur ein sehr koiuplizierter Begriff. Man denke nur an die vielen Maßstäbc, die für die Kulturstufe eines Volkes kennzeichnend sein sollen. Die Untersuchung der einzelnen Klilturclcmcnte auf ihre Harmonie mit der jüdischen Weltanschanung oder ihrer Gegensätzlichkeit zu ihr würde kaum ein brauchbares Erllebnis liefern. Sehen wir uns nach einem anderen orientierenden Moment um. Ohne Zweifel enthält die Kultur zwei verschiedene Elemente, technische und geistige. Die technische Kultur, nennen wir sie die äußere, umfaßt alles dasjenige Wissen und Können, das die Beherrschung der Natur und die geordnete Führung des Erwerbslebens ermöglicht. Die geistige Kultur dagegen, die wir innere nennen wollen, enthält diejenigen Elemente, die willen- und weltunschauungsbildend sind, so z. B. die Ethik und Philosophie. Es ist nun ohne weiteres klar, daß die äußere Kultur Neligionsfragen gegenüber völlig neutral ist. Was hat z. B. die Fähigkeit, eine Brücke zu bauen oder eine Krankheit richtig zu erkennen mit religiösen Fragen zu tun? Anderes verhält cs sich mit der inneren Kultur. Hier wird man von Vorneherein einen Gegensatz zur jüdischen Religionsanschauung vermuten dürfen; gerade weil die moderne geistige Kultur den Menschen auf sich selbst stellen möchte, die Thora aber mit dem Anspruch an uns herantritt, für alle Lebensfragen bestimmend und entscheidend zu sein, wäre eine Übereinstimmung sicherlich eher zufällig als der Gegensatz. Nach dieser Analyse des Problems scheint die Stellungnahme außerordentlich einfach. Unbedenklich könnten sich selbst die bildungsgegnerischen