Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 3 (1917)
- Issue
- 1/2 (Januar-März 1917)
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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9 Es bleibt also nur ein anderer Weg. Es muß die jüdische Persönlichkeit so gefestigt, sie muß so sehr von der Gedankenwelt des Judentums durchdrungen sein, daß sie bewußt zu wählen imstande ist zwischen dem, was dem Judentum entspricht, und dem, was ihm widerspricht. Das ist auch der Versuch, der in Deutschland unternommen wurde, das ist das „Thora im Derech Erez", ein Standpunkt, der in der Auffassung der jüdischen Aufgabe als einer Menschheitsaufgabe seine tieferen Gründe hat. So wenig wir aber dieses Programm preisgeben möchten, so wenig dürfen wir uns darüber täuschen, daß unsere bis jetzt verfolgte Methode keine vollendete Lösung darstellt, schon deshalb, weil letzten Endes diese Synthese von Thora und Derech Erez nur eine persönliche Leistung ist und nicht in ein System gebracht und anderen mitgeteilt werden kann. Es dürfte auch ein das Erlaubte weit übersteigendes Maß von Optimismus dazu gehören, behaupten zu wollen, daß die Gedankenwelt der Thora der absolut bewertende Maßstab alles Denkens und Handelns in unseren Kreisen ist Eine ideale Lösung wäre es, wenn wir in eigenen Schulen die Jugend zunächst mit all dem Wissen ausstatteten, das zur Erfüllung eines bürgerlichen Berufes erforderlich ist, unsere innere Kultur im Herzen der Jugend aber lediglich auf dem Boden unserer Thora aufbauten. Die ideale Welt sollte unseren Kindern zuerst durch einen Jesajah, durch die Heroen der Mischnah eröffnet, ihr Geist zunächst durch die Gedankengünge des Talmuds geschärft werden. Das so geöffnete Gemüt, der so geschärfte Geist wäre erst recht fähig, alles wirklich Wahre und Schöne aus den Schätzen, die menschliches Denken geschaffen hat, sich anzueignen. Nun aber würde die jüdische Persönlichkeit frei wählen und nicht in urteilsnnfähigem Alter Hemmendes in sich aufnehmen. Dieser Weg wird wohl auch derjenige sein, der in Polen beschritten werden nmß. Dort ist glücklicherweise bei einem sehr großen Teil unserer Brüder die ideale Welt völlig identisch mit jüdischer Welt, dort bildet sich noch Geist und Gemüt zunächst und vor allem an Tenach und Schaß. Das dürfte nicht anders werden. Es war ein Verhängnis für das deutsche Judentum, daß bei der ersten Berührung mit der europäischen Kultur ihm diese als Lichtbringerin, als höhere Weltanschauung entgegentrat, als Notwendigkeit von höherem Gesichtspunkte ans. Als Werkzeug wirtschaftlicher Ertüchtigung hätten auch die Größen der damaligen Zeit nichts gegen die Schulung in profanen Fächern eingewendct. Als Wirtschaft-