Mannheim
Compact Memory

Blätter · 1916-12-01 · 8 (12.1916) · p. Seite 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Blätter
Volume
2 (1916)
Issue
8 (12.1916)
Date
1916-12-01
Page
Seite 13 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/6467833-9641076-10858628--0264-6468305
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

13 alsbald in reinstem Französisch die Lebensschicksale eines jungen Juden zu hören. Und eben dieses Französisch erkennt man bald als erregendes Moment in dem Drama der jüngsten jüdischen Entwicklung in diesen Gegenden, einem Drama, über das man wie über so viele Teilbilder der jüdischen Geschichte als Motto zu setzen hätte: Sind es doch, wie man sich bereits nach einer Viertelstunde überzeugt hat, in allererster Linie die Schulen der „Alliance Jsraelite Universelle", die den Tiefstand der spezifisch jüdischen Kultur hier herbeigeführt haben, den man bald allenthalben bemerkt. Da werden die Kinder, Knaben wie Mädchen, in allen möglichen theoretischen und praktischen Wissenszweigen anscheinend recht gründlich unterrichtet, da wird vor allem eine außerordentlich intensive mündliche Und schriftliche Beherrschung der französischen Sprache, eine bemerkenswerte Vertrautheit mit französischer Geschichte und Kultur erreicht; aber für den Religionsunterricht und die jüdische Kultur bleiben in diesen „jüdischen Schulen" kaum einige Stunden übrig, in denen etwa soviel erzielt werden mag, wie im jüdischen Religionsunterricht der öffentlichen Gymnasien in einer bayrischen oder preussischen Großstadt, also die Fähigkeit zu notdürftigem Hebräisch- Lesen und rasch vergessenes halbes Verständnis der allerwichtigsten Hauptgebete, dann noch einige Kenntnisse aus der jüdischen Geschichte und „Glaubenslehre". So ist es kein Wunder, wenn in einer Grvßgemeinde wie Ueskueb, in der vor wenigen Jahrzehnten lebendige jüdische Kultur geherrscht zu haben scheint, heute das Gemeindeleben fast erstorben ist, wenn in der geräumigen Synagoge sich zu den Gebetszeiten an Werktagen (wenigstens im Krieg) kaum ein knappes Minjan zusammenftndet, wenn in sehr, sehr vielen Familien heute die Knaben weder beten noch Tefillin legen, wenn am Sabbath vielfach das Geschäftsleben seinen gewohnten Werktagsgang geht, wenn das Festhalten an altjüdischen Gesetzen, Trachten und Gebräuchen Mehr und mehr zurückgeht und selbst — ich weiß nicht, ob auch dies auf das Konto der neuen Zeit zu setzen ist, oder ob hierin die sephardische Judenheit von jeher nicht so gute Traditionen aufweist — ein erstaunlicher Mangel an Gastfreundschaft leider festgestellt werden mutz. Machen wir noch einen kurzen Rundgang im Judenviertel! Die Synagoge ist ein von außen nüchterner, innen aber freundlicher und ungewöhnlich Heller Bau. Bänke bezw. Stühle sind nicht regelmäßig wie in unfern Synagogen, sondern mehr bunt durcheinander und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.