Mannheim
Compact Memory

Blätter · 1916-12-01 · 8 (12.1916) · p. Seite 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Blätter
Volume
2 (1916)
Issue
8 (12.1916)
Date
1916-12-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/6467833-9641076-10858628--0260-6468301
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

9 doppelt unwürdiges Spiel von der Bildfläche verschwunden. Der Aufenthalt in Cafehäusern und Theaterbesuch ist strengstens verboten. Ihre musikalischen Neigungen können die Bachurim am Freitag abend befriedigen, wo ste mit Vorliebe den „Tempel" besuchen (allgemeine Bezeichnung für die große Synagoge, die dort nichts Anstößiges enthält), um sich an der gewaltigen Stimme des Oberkantors Und den Gesängen des wohlgeschulten Chors zu erbauen. Nebenbei bemerkt, machen die Darbietungen des Chors mit den fortwährenden Wiederholungen aus den deutsch-orthodoxen Besucher einen seltsamen Eindruck. Eine angenehme Abwechselung gewährt den Bachurim das tägliche Zeitungslesen; in der Politik sind sie nämlich auf der Höhe. Zur Zeit meines Preßburger Aufenthalts wütete der Balkankrieg, da war jeder auf dem Papier mindestens ein Hindenburg. Für die gemeinsamen Interessen der ungarischen Jeschiivaus besteht eine in hebräischer Sprache herausgegebene Monatsschrift, in der Fragen behandelt werden, die das materielle Wohl und Wehe der Bachurim betreffen, die aber auch Beiträge halachischen und hagadischen Inhalts bringt. Es fehlt aber in Preßburg leider auch nicht an Strömungen, die den Frieden und die Eintracht zu untergraben suchen. Als ich dort war, beschränkte der Herausgeber einer Zeitung sich nicht auf sachliche Behandlung der nach seiner Meinung bestehenden Mißstände, sondern erging sich dauernd in maßlosen Schmähungen und Verleumdungen gegen Oberrabbiner und die Jeschiwaleitnng. Flugblätter flatterten herüber und hinüber, und die Gemüter waren aufs Heftigste erregt. Es läßt sich allerdings nicht leugnen, daß ernste wichtige Fragen ihrer Lösung harren, und daß das Ostjudenproblem, soweit es sich auf die Zukunft der Jeschiivaus erstreckt, für Ungarn von gleich weittragender Bedeutung ist tvie für Polen. Darüber wollen wir jedoch heute schweigen. Nur einem Gedanken möchte ich noch Ausdruck verleihen. Wie in so vielem, ist hoffentlich der große Lehrmeister Krieg den Bekennern der deutschen Orthodoxie auch in Bezug auf den Jeschiwa-Besuch ihrer Kinder ein ernster Mahner. Wie oft hört man die Entschuldigung: „Wie gern würde ich meine Söhne zum Erwerb einer gründlichen Torakenntnis auf eine Jeschiwa schicken, aber das würde sie für Jahre in ihrer kaufmännischen Ausbildung zurückbringen, solch ein Opfer kann man von mir in dieser Zeit nicht verlangen." Und jetzt? Bereits zwei Jahre müssen fast alle ihre schönste Zeit unter dem ehernen Zwang einer Beschäftigung verbringen, die ihren

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.