Mannheim
Compact Memory

Blätter · 1916-09-01 · 7 (9.1916) · p. Seite 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Blätter
Volume
2 (1916)
Issue
7 (9.1916)
Date
1916-09-01
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/6467833-9641076-10858625--0242-6468284
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

— 12 — getreu und belacht sie und läßt die jüdischen Tragödien zu Komödien werden. So ist es ihm möglich, bei der Darstellung der jüdischen Wirklichkeit, welche eine Karrikatur nornialen Lebens ist, heiter zu bleiben. Seine schriftstellerische Eigenart ist vielfach mit der Mark Twains verglichen worden. Eine Anekdote erzählt sogar, er sei mit dem berühmten amerikanischen Humoristen, der damals auf der Höhe seines Ruhmes stand, einmal zusammengetroffen und habe, als er ihm vorgcstellt wurde, bescheiden benicrkt: „Meine Leser erweisen mir die Ehre, mich den jüdischen Mark Twain zu nennen und", so antwortete der amerikanische Dichter, der seinen jüdischen Kollegen schon vielfach hatte rühmen hören, „mich nennt man den amerikanischen Scholaum Aletchem." Und doch hält dieser Vergleich nicht stand, dem jüdischen Dichter fehlt alles Groteske. Er trägt nichts Fremdes hinein, versucht nicht, wie der amerikanische Dichter es sv meisterhaft verstand, mit gewaltiger Phantasie Situationen zu schaffen und sie in humorvollen Darstellungen auszumalen. Nein, er schildert die Verhältnisse, Ereignisse und Begebenheiten, wie sie sich in Wahrheit zutragen, malt das Leben unserer Glaubensgenossen im Osten aus, wie es tatsächlich sich abspielt, indem er Licht und Schatten gleichmäßig verteilt. Das Ueberwiegen des Gefühlsmäßigen, das uns Juden allen eigen ist, kommt deutlich zum Ausdruck. Was er bietet, ist Kleinmalerei, Milieuschilderung. Der Gegenstand seiner Darstellungen ist vor allem der einfache jüdische Arbeiter. Eine seiner Lieblingssiguren ist „Towje, der Milchiger", d. h. Tobias, der Milchmann, dem es nun mal vom Lenker aller Geschicke bestimmt ist, Butter und Käse sein Leben lang zu verkaufen,"und der von einem grenzenlosen Optimismus und einer unzerstörbaren Gutmütigkeit erfüllt ist. Erwähnt sei auch jene köstliche Erzählung von einem Kleinstädter, der nach langer Wanderung Baron Rothschild aufsucht, um ihm ein Mittel anzubieten, wie man ewig leben könne. Rothschild spendet ihm eine reichliche Gabe und fordert ihn auf, ihm jenes wunderbare Lebenselixir zu nennen. „Kommt mit mir nach Rußland in unsere Kleinstadt", meint der Arme gutmütig, „denn bei uns ist noch nie ein reicher Mann gestorben". So verstand es der Dichter, die Seele unseres Volkes zu zeichnen und sich dadurch den Weg zu den Herzen Aller zu bahnen. Seine Sprache ist der Jargon, der, nach seinem so zutreffenden Urteil, selbst so „humoristisch und gemütvoll" ist. Wenn in irgend einer Sprache, so ist im Jargon der Sprechende mit seiner Sprache verwachsen, mit ihr zu einem einheitlichen Ganzen verschmolzen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.