Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 7 (9.1916)
- Date
- 1916-09-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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11 Das Wort „Volksgeist" gehört zu den Schlagworten unserer Tage. Wenn wir darunter die ursprüngliche völkische Eigenart verstehen, die Mentalität, das Eigentümliche eines Volkes, das allen seinen Gliedern charakteristisch ist, und uns nach dieser Richtung hin unter den Juden nach den ungetrübtesten und reinsten Vertretern des jüdischen Volksgeistes Umsehen, so werden wir uns fraglos nach dem Ostens wenden müssen, zu jenen Glaubensbrüdern, die unter dem Jammer des Krieges am meisten zu leiden habe». Wenn überhaupt irgendwo, so können wir dort die Repräsentanten des jüdischen Volkstums, des jüdischen Geistes treffen. Es mag bezeichnend sein gerade für unsere, dem Judentum mehr als wünschenswert entfremdete Gesinnung, von der selbst mancher gesetzestreue Jude nicht immer freizusprechen ist, daß wir uns nur ungern, nur gezwungen in diese Erkenntnis fügen, und es nicht wahr haben möchten, daß dort, in diesen Kreisen des Ostjudentums das jüdische Leben am kräftigsten pulsiert, dort jüdische Eigenart viel mehr als sonst wo auf Erden gefunden werden kann. Diesen Kreisen nun widmet Scholaum Aleichem seine schriftstellerische Begabung. Als Fortsetzer des „Mendele Mocher Sforim, (S. I. Abramowitsch), des Veteranen unter den jüdischen Dichtern der Iargonliteratur, an dem er sich schulte, hat unser Dichter die jüdische Welt, wie er sie durch die Brille seines gesunden, gutherzigen Humors betrachtete, geschildert und ihr in ihrer Freudlosigkeit eine besondere Tiefe und einen höheren Sinn verliehen. Das Fühlen und Hoffen jener jüdischen Massen im Ansiedlungsrayon Rußlands bringt er uns nahe, stellt uns die Menschen dar vom Tage ihrer Geburt bis zum Tode und läßt auch scheinbar unbedeutende Erscheinungsformen des Lebens seinem scharfen Blick nicht entgehen. Die unglücklichen Verhältnisse des Druckes und der Verfolgung, unter denen diese Juden ihre Tage verbringen, läßt er lebendig vor unsere Augen treten. Und da beginnt des Humoristen Werk: er belacht jene unglücklichen Zustände, lacht über die aus ihnen sich ergebenden Schwächen und Mängel, um nicht über sie zu weinen. So ist in jedem Lachen doch letzten Endes eine Träne verborgen. „Wer nur das jüdische Leben in der Diaspora kennen lernt, der muß lachen und weinen zugleich." Aber die Tränen werden unterdrückt, ehe sie noch hervorgetreten sind, denn er will sie nicht zum Weinen bringen, seine Brüder, mit denen er sich verwandt fühlt wie kaum ein anderer; er will keine Klagelieder anstimmen ob der anormalen Lebensverhältnisse der Armut und der Not, aus denen er selbst hervorgegangen und mit denen er so innig verwachsen ist. Deshalb schildert er die traurigen Zustände unter den Juden des Ostens wahrheits-