Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 7 (9.1916)
- Date
- 1916-09-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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6 \ blutigen Stempel dieser Ereignisse durch die Geschichte tragen. Erneute Ausweisungen folgen, eine nochmalige Aufnahme, für wenige Jahrzehnte ein Zustand der Ruhe und friedlicher *2lrbeit. Dann wälzt sich von Spanien her über Südfrankreich von neuem die drohende Welle des Fanatismus gegen die eben erst zur Ruhe gekommenen jüdischen Gemeinden, und dann tut Frankreich das, was das romanische Schwesterland jenseits der Pyrrhenäen ein Jahrhundert später tat' es sties; endgültig die Tausende von Bürgern von sich, die in ihm für Jahrhunderte eine Heimat gefunden und ihm in wirtschaftlicher und geistiger Tätigkeit diese Aufnahme vergolten hatten. Nur in wenigen Gebieten der Provence, die unter päpstlicher Oberhoheit standen, blieben ihnen noch Heimstätten — die Geschichte der nordfranzösischen Juden hat mit dem Fahre 1394 aufgehört. Das wäre die Geschichte der nordfranzösischen Juden, wenn eben das Wesen der Geschichte in äußeren Erscheinungen wirklich fundamentiert sein könnte. Kann aber eine solch einseitige Auffassung überhaupt einer lebendigen Entwicklung nicht gerecht werden, für die Gestaltung des jüdischen Volkes scheidet sie vollends aus, denn unser Volk ist eben keine Nation im Sinne anderer Nationen — das gerade wird innerhalb und außerhalb des Judentums fo unendlich oft übersehen — Misere Geschichte kann sich nicht in äußeren Erscheinungen allein repräsentieren, weil diese nur unser äußeres Leben widerspiegelu. Der Kernpunkt unseres Wesens aber ist tiefer verankert, in dem Boden, der der Nährboden unserer Existenz von Urbeginn an war, in unserer gottgegebeneu Religion. An den Stätten seines geistig religiöse» Wirkens haben mir die Geschichte unseres Volkes zu suchen, und dort bietet sich uns unendlich mehr Licht, als das Dunkel der äußeren Schicksale ahnen läßt. Es kann sich hier natürlich nicht um eine umfassende Darstellung des Geisteslebens der nordfranzösischeu Juden handeln, das bleibt Berufeneren Vorbehalten, nur auf das Wesentliche gilt es hinzuweisen, das, was für uns heute seine Bedeutung behält. Dunkel war es ja in den Wohnstätten, die ein thoratrenes Judentum sich geschaffen hatte, zu keiner Zeit, in keinem Lande, aber wenn wir uns an das Überlieferte halten, so muß das Jahr 1000 für den Beginn eines intensiveren geistigen Lebens der nordfranzösischen Juden angesetzt werden, also jene Zeit, in der den spanischen Schwesterngemeinde» schon das Morgenrot ihres goldenen Zeitalters strahlte und der Name eines Chasdai ibn Schaprut bereits der Geschichte angehörte. Wenn aber nun auch der jüdische Geist in Nordsrankreich seine Schwingen regt, so ist seine Entwicklung von Anfang an eine andere als die der spanischen und der von ihr beeinflußten provencalischen Indenheit. Die spanischen Juden —