Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 3/4 (März/April 1916)
- Date
- 1916-03-01
- Page
- Seite 20 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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20 W. ©. Jacobson / Die Judenfrage eine Wirtschaftsfragc. Wohl gab es auch früher schon den Geldwechsler, der sich bei der Umrechnung der Gelder das Agio nicht entgehen ließ, aber die Gesamtheit des Volkes dankte Reichtum und Wohlhabenheit seinem durch Landwirtschaft und Handwerk verkörperten Wirtschaftsleben. Als der Ruf ״Zurück zur Natur" ertönte, da mochte er im ersten Augenblick etwas seltsam erscheinen und man mochte Zweifel haben, an der praktische» Durchführung des Geforderten, in Wirklichkeit aber haben die letzten Jahrzehnte bewiesen, das; dieser Ruf hörenden Ohren gcklnngen, wenn wir heutige Jugenderziehung nnd Jugendertüchtigung in einem Wort zusammcnfasse» wollten, so hieße dieses Wort eben: ״Zurück zur Natur", das heißt: zurück zum Natürliche», zn dem, ivas ursprünglich gewesen. Wenn wir de» Ruf erheben: ״Ihr Juden zurück znr Landwirtschaft, zurück zun; Handwerk", so;nag sa dieser Ruf im ersten Augenblick lächerlich klingen, ein Ziel hcrbeisehncnd, das nicht erreichbar ist. Wir können uns heute den im ״Schwalbenschwanz" sich glücklich fühlenden jüdischen Jüngling, wie er in Hemdsärmeln die Sense schwingt, ebensowenig vorstellen, wie den jüdischen Mann, der heute an der Börse die Kurse notiert, als berußten Schmied. Aber das Lächerliche liegt eben nur in der Vorstellung und nicht in der Wirklichkeit! Welcher Wandlungen der Mensch fähig ist, das zeigt der Weltkrieg, in welchen; auch mancher als Straßenarbeiter fungiert, der früher zorncsrot geworden wäre, wenn er sich nur einmal selbst hätte die Stiesel putzen sollen. Es ist alles nicht Ungewöhnliches, nur etwas Ungewohntes. In unserer heutigen Vorstcllungs- Welt, die noch dazu sich auf unseren deutschen Horizont beschränkt, denn in Rußland gibt cs ja bekanntlich jüdische Handwerker, die als Talmudgelehrte eine Konkurrenz mit unseren Bcrnfslamdonim nicht fürchten können wir uns den jüdischen Handwerker als die Regel, denn heute ist er ja doch noch eine Ausnahme, nicht vorstellen, das ist aber eben nicht die Welt der Wirklichkeit. Was der Mensch will, das kann er und umgekehrt, was der Mensch kann, ist, daß er als Handwerker Vortreffliches leistet, das zeigt der jüdische Bauer in Palästina, das zeigt der leider nur eine Seltenheit bildende deutsche Handwerker. Daß sicherlich der nicht in Dentschland lebende jüdische Handwerker in Rußland, Galizien, oder wo es auch sei, ebenso Vorzügliches leistet, ist nicht zn bezweifeln, wir wollen es nur nicht behaupten, weil wir hierüber nichts wissen.