Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 2 (2.1916)
- Date
- 1916-02-01
- Page
- Seite 8 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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8 W. 6. Iacobsohn / Eine Iudenfrage, eine Wirtschaftsfrage. sie sehen ein, daß in der Kleinstadt für den Sohn, den sie nicht dem gleichen schweren Daseinskampf aussetzen wollen, keine Zukunft ist und sie schicken ihn in die Großstadt Wohl haben die Eltern in ihrer schlichten anspruchslosen Frömmigkeit und der Beobachtung der Gesetze ihm ein Vorbild gegeben und die erste Zeit, wen» er in der Großstadt ist, wird er sich dies Bild vor Augen halten, aber da kommen sogenannte aufgeklärte׳ Freunde, die alles besser wissen, die ihm erzählen, daß der Schabbos gut ist für die kleinen Verhältnisse einer Kleinstadt, aber in der Großstadt nicht von Nöten sei, es gibt ja so viele Rabbiner in der Großstadt, die alle so schön predigen, die alle predigen von Menschenliebe und von jübischer Ethik und von denen keiner predigt die furchtbare Sünde der Sabbatentweihung, also muß diese ja auch nicht gar so schlimm sein, und da die Unwissenheit des Vaters sich auf den Sohn vererbt hat, ist der Kampf, den der gute Freund gegen das Gewissen dieses unwissenden Iüugliugs aus der Kleinstadt zu führen hat, nicht so schwer. Zum Schmerze der Eltern wird der Sohn, sobald er erst einmal eigenen Willen hat, den Schabbos entweihen, sie haben ihm in der Großstadt eine Stellung ausbedungen, wo er den Schabbos halten kau», ihn aber lockt der höhere Verdienst, ihn lockt die größere Freiheit, die ihm, indem er die Fesseln des Religionsgesetzes abwirft, winkt, denn ihm fehlt jüdisches Wissen, das allein im Kampfe ihn Sieger sein ließe und so wirkt auch indirekt in diesem Falle das Wirtschaftsleben. Der Vater konnte, als eine Folge der durch die Wirtschaftslage hervorgerufenen Anspannung aller Kräfte, nichts lernen und so ward dem Sohn dies zum Verderben. Auch diese Erfahrung ließe sich hundertfältig belegen. Nun wollen wir uns zuwenden, den Folgen des Wirtschaftslebens in der Kleinstadt aufs Judentum, von diesen direkt in der Kleinstadt wirkenden und indirekt schon in die Großstadt hinübergreifeuden Folgen, dem Wirtschaftsleben in der Großstadt selber und wollen auch, hier nur in großen Umrissen die Verhältnisse so schildern, wie sie sind. Diese Iudenfrage nannten wir die politische Iudenfrage, vielleicht kann man sie auch die äußere Iudenfrage nennen, weil Einflüsse von Außen bei ihrer Beantwortung in erster Linie mitzusprechen haben. Im Gegensatz hierzu möchten wir das Problem einer inneren Iudenfrage aufstellen und zwar verstehen wir darunter die Frage der Lebensfähigkeit und der Weiterentwickelnng der Iudenheit in ihrer Gesamtheit, losgelöst von den äußeren Zufällen, wie sie die Politik des Tages bescheert. Zwischen Iudenheit und Judentum werden feine Unterschiede gemacht, in diesem will man die Lehre, in jenem ihre Bekenner bezeichnet