Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 2 (2.1916)
- Date
- 1916-02-01
- Page
- Seite 7 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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W. S. Jacobson / Eine Judenfrage, eine Wirtschaftsfrage. 7 die Folgen des Wirtschaftslebens, in der Kleinstadt beginnend, i» der Troßstadt nachwirken! Nun möchten wir einen andern Fall zeigen über die Zusammenhänge der Beziehungen zwischen Kleinstadt und Groszstadt in Bezug auf religiöse Entkräftung, durch die Wirtschastsverhältnifse verursacht. Der Jude hatte in der Kleinstadt ein Warenhaus, dieses ging sehr gut, er wurde ein reicher Mann und nun zieht er in die Großstadt, vielleicht daß er sich der Lehren des Elternhauses besinnt und nun, da die Hemmungen geschwunden, wieder religiös wird und als Rentier, was ja eben kein großes Opfer für ihn mehr wäre, den Schabbos hält. Wahrscheinlicher aber noch ist, .daß die Gewöhnung ihm zur zweiten Natur geworden ist, er wird die Zigarre, die in der Kleinstadt seine Nerven beruhigen sollte, wenn am Sonnabend Nachmittag die Wogen des Geschäftes gar zu hoch ginge», auch nun nicht mehr missen wollen, da er den feinen Mann spielt. Tr ist doch in die Großstadt gezogen, um den Rest seines Lebens zu genießen und die Zigarre ist ihm ein Teil dieses Genusses geworden, und wenn die Judenheit auf diesen, der sein Judentum vergessen oder wenn wir so sagen dürfen in des Wortes buchstäblichen Sinn ״verarbeitet" hat, auch vielleicht verzichten dürfte, so bedeutet sein Verlust auch den Verlust seiner Kinder, Die Töchter sollen gute Partien machen und da wird weniger darauf gesehen, daß der Schwiegersohn fromm ist, als darauf, daß er der schwiegerväterlichen kaufmännischen Tüchtigkeit, die ja in der reichlichen Mitgift ihren Ausdruck findet, würdig ist- Dar ist keine Fabel, das ist Tatsache, das ist die Tragik der Provinz Posen, deren reichgewordene Juden den Judenkontingent der Reichshauptstadt vermehren, aber nicht verbessern helfen. Sie ziehen bezeichnender Weise nach Berlin \Y., wenn sie es sich leisten können und das w. ist mehr als ein Zufall, das Wwird zunr großen Weh für das Judentum. So wirkt die Aufgabe des Schabbos in der Großstadt nach, sie schafft dort steuerfähige, aber keine opferfähige, wirtschastsstarke, aber keine glaubensstarke Juden. Der Prozeß kann aber auch anders vor sich gehen. Es giebt auch in der Kleinstadt Juden, die jene große Opserkraft besitzen, ihr Geschäft am Schabbos zu schließen, die aus dem Verdienst der 5 bezw. 4'/2 Wochentage sich und die ihren ernähren, aber um das tun zu können, müssen sie angestrengt arbeiten, so angestrengt, so Intensiv und so alle Kräfte absorbierend, daß sie den Schabbos nicht benutzen, um nach dem schönen Wort, daß der Schlaf am Schabbos lobenswert sei, auch zu schlafen, sondern nur zu schlafen. Sie kommen nicht zum Toralernen, auch wenn sie's wollten, sie sind eben zu sehr durch den Wirtschastskampf mitgenommen,