Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 2 (2.1916)
- Date
- 1916-02-01
- Page
- Seite 5 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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W. S. Jacobson Eine Judenfrage, eine Wirtschaftsfrage. 5 einen Zufall hatte ich Gelegenheit, in einer kleinen Stadt der Mark Brandenburg die hohen Feiertage und den Schabbos Schuwoh mehrere Jahre hintereinander zu verleben Ich vertrat dort einen lieben Bruder, der bei ihnen in früheren Jahren an diesen Tagen gepredigt hatte und war es selbstverständlich, daß den Unterhaltungen mit diesen Leuten religiöse Themata zugrunde lagen. In der Stadt leben ungefähr 35 jüdische Fa- Milieu. 50 »/״ von ihnen besitzen Warenhäuser, alle sind liebe, gutherzige Menschen, aber nicht einer von ihnen, nicht ein Einziger, hielt Schabbos. Viele waren sich der Größe der Sünde, die sie durch Entweihung des Schabbos begingen, gar nicht mehr bewußt und diejenigen, die von frommen Eltern stammten oder die selbst in ihrer Jugend fromm gewesen sein möchten, sie hatten auf meine Frage immer nur die Antworte ״Ich wollte schon gern, aber ich kann nicht, die Verhältnisse sind stärker als ich!" und jeder verstand unter den Verhältnissen die Wirtschastsverhältnisse. Der Sonnabend-Abend ist für die ärmere Bevölkerung, welcher der Wochenlohn ausbezahlt wurde, die Stunde, zu der sic kaufen, und auch die reiche Landbevölkerung, die sonst am Sonntag ihre Einkäufe in der Stadt zu machen pflegte, kommt jetzt, eine für uns Juden sehr bittere Folge des Eonntagsruhegesetzes, schon am Sonnabend-Nachmittag in die Stadt, ihre Einkäufe zu besorgen, sodaß, und mancher hat es mir, indem er mir seine Geschäftsbücher zeigte, bewiesen, der Sonnabend-Abend ein Viertel, ja manchmal die Hälfte der ganzen Wocheneinnahme erbrachte und auf meinen Elnwand, das Judentum verlange eben Opfer und der Verzicht auf größere, durch Entweihung des Schabbos erlangte Einnahmen wäre eben ein solches Opfer, wurde mir von allen, oft mit fast den gleichen Worten, entgegnet: ״Wir wollen gern opfern und verzichten, aber wir müssen leben und das Geschäft am Schabbos schließen, hieße es überhaupt schließen, eine sichere Existenz aufgebcn und Frau und Kinder der Not preisgeben!" Diese Konsequenz wollte keiner, wenngleich das Judentum dies Opfer selbstverständlich gefordert hätte, ziehen, man bedauerte, mau zuckte dle Achseln, man malte mir das Gespenst der Konkurrenz mit schwarzen Farben und mit seinen furchtbaren Folgen an die Wand und man entweihte weiter den Schabbos. Daß man den Schabbos Schuwoh geschlossen hatte, das war schon etwas ganz Großes, das war ein Opfer; das man nicht seinem Judentum, sondern das man meinen Bitten und vielleicht auch der Freundschaft zu mir, brachte. Was ich eben geschildert habe, das ist eine nackte Tatsache, ich habe uicht, beschönigt und auch nichts übertrieben, das sind Verhältnisse, die wir, wenn wir in die Provinz Posen kommen, in vervielfältigtem Maß-