Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 1 (1.1916)
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 13 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Josef Stern-Fulda, Im Osten. 13 lehr hoch, aber dafür hatte tch die allgemeine Gleichberechtigung der Inden mit den anderen Konfessionen in die Wagschaie werfen Können. Bis dahin hätten sie nichts dagegen einzumendeu gehabt, deutsch zu werden. Dann aber sank die Wagschale sehr zu unseren Ungunsten herab, als nämlich einer aus ihrem Kreise von der neuen Leichenverordnnng erzählte, die ans sanitären Gründen jegliehe Leichenberllhrung verbot, also auch die Taharoh und andere Mizmans unmöglich machte. Das Verständnis für diese Maßregel ging ihnen vollständig ab, sie hielten diese für eine ebensolche Lhikane, wie sie unter dem russischen Regime gang und gäbe waren. Was nützte ihnen dann die schöne Gleichberechtigung, wenn sie noch nicht einmal ein jüdisches Begräbnis haben sollten, das einzige, was ihnen das Leben noch bieten konnte Am andern Morgen war ich mit meilcen Fre>mden im Altersheim wieder zusammen und liest mir im Laufe des Tages die Einrichtung des Heimes zeigen. Ich staunte über die Ordnung und Sauberkeit, die überall herrschte, und ich muhte meine Begriffe über jüdisch-polnisch, die sich meistens mit schmutzig und schlampig deckten, einer gründlichen Revision unterziehen. Am Nachmittag pilgerte ich durch die Stadt. Ich war frei bis Mm Zapfenstreich und konnte mich ungehindert beivegeu. Was mir unangenehm aussiel, mar, das; sämtliche Läden trotz שבת geöffnet waren, was indessen auf einen Kommandantnrbefehl zrrrückzuführeir ist, der aber '»zwischen für die jüdischen Geschäftsinhaber außer Kraft gesetzt wurde. Ich hätte mir sehr gern einmal ein Bild genracht von dem russischen O2V, aber durch die geschäftige Tätigkeit auf Straßen und in den Läden war der Eindruck ein falscher. Dagegen die größte Sehenswürdigkeit des jüdischeir Wilna, der Schulhof, die uralte Schule und das בית המדרש konnte ich in ihrer ganzen Schönheit an, שבת Abend vor Nacht und zu Maariv bewundern. Das ״Damnen" war etwas sehr laut, aber immer noch weihevoller und ergreifender als die manchmal salbungsvolle Stille, die in unseren Bet- Häusern herrscht. Am nächsten Tag Marsch zur Eisenbahnstation, wo wir am Abend nach Komno verladen wurden und am andern Morgen endlich in ein Lazarett kamen. Dort blieb ich mehrere Tage und hatte hier so richtig Gelegenheit, das Elend der zurückkehrenden Flüchtlinge, die Schwuaus plötzlich aus Kowno vertrieben worden waren, kennen zu lernen. Was sich die Leute bei ihrer eiligen Flucht hatten mitnehmen können, das war bei dem vielen Hin- und Herwandern verloren gegangen.