Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 1 (1915)
- Issue
- 6 (12.1915)
- Date
- 1915-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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4 Rabbiner Dr. A. Cohn-Basel Aus neutralem Lande. Zum Allmächtigen wollen wir ferner hoffen, daß dieser Krieg auch für das Schicksal unserer jüdischen Glaubensbrüder eine Wendung zum Besseren bringen wird Der so oft mit Unrecht angezweifelte Patriotismus der Juden hat sich in diesem Kriege in allen Ländern glänzend bewährt. Auf allen Schlachtfeldern Kämpfen sie mit Todesverachtung in den vordersten Reihen. Hier i» Basel hat sich bei Beginn der Mobilmachung ein Mitglied meiner Gemeinde, ein Mann von 64 Jahren, der bereits den Krieg von 1870-71 mitgemacht hat, von seiner Frau und seiner Familie losgerissen, um sich seinem Vaterlande zur Verfügung zu stellen. Nun hat dieser Krieg unzweifelhaft die Kampfgenossen einander näher gebracht. Zahllose Mensche», welche uns bisher nur aus gehässigen Büchern oder aus boschaften Zeitungsberichten kannten, haben Juden in diesen gefahryollen Tagen achten,, schätzen und lieben gelernt. Diese Waffenbrüderschaft wird den Krieg überdauern. Haß und Vorurteil, unter dem wir soviel zu leiden hatten, werden nach dem Kriege in den breiten Schichten der Völker nicht mehr den empfänglichen Boden finden wie vor demselben. Mit einem Herzen voll Mitgefühl und voll inniger Wünsche aber blicken wir nach dem Lande im Osten, in welchem bisher 6 Millionen Juden unter schweren Verfolgungen litten. Möge doch dieser Krieg endlich Freiheit den Unterdrückten und Licht und Erlösung denen bringen, die im Schattental des Unglücks wandeln. Unsere Weisen sagen: Krieg kommt in die Welt wegen Beugung des Rechtes und wegen Krümmung des Rechtes Ist das Recht der Juden in Rußland nicht unter stillschweigender Duldung aller zivilisierten Völker gebeugt und verkümmert worden? Ihr Recht war und ist die Rechtlosigkeit Das Gesetz für die Juden, hat ein großer russischer Staatsmann einmal gesagt, ist ein unbeschriebenes Blatt Papier, aus dein jeder Gouverneur, ja jeder untergeordnete Polizeibeamte schreibt, was er will. Wie jammert man in diesem harten, schweren Kriege über das Los der Geiseln, die svrtgeschleppt werden, der Evakuierten, die Haus und Hof verlassen müssen. Aber ähnlich ist das Schicksal der Juden in Rußland seit langer, langer Zeit. Bald hier, bald dort vertrieben, unter Ausnahmegesetzen, unter der rohen Brutalität der Behörden seufzend, von Zeit zu Zeit der Mordlust des aufgestacheltcn Pöbels preisgegebeu, fanden sie keine Annehmer. Krieg kommt in die Welt wegen Beugung des Rechtes, „und wegen Krümmung des Rechtes." Die Justizbehörden Rußlands haben im Veilis-