Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 1 (1915)
- Issue
- 6 (12.1915)
- Date
- 1915-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/6467833-6467833-9641066-9641074--0110-6468158- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
3 Rabbiner Dr. A. Cohn-Basel Aus neutralem Lande. lich gemeint, und was Gott dem Moses geantwortet hat, erwidert er uns noch heute, wenn wir so gern einen Einblick in seine Weltcnlenkuug gewinnen möchten, wenn auch uns heute die Frage bis ins Innerste bewegt: Warum geschieht dies alles? Warum dieses Meer von Blut und Tränen? Du kannst von Gott nur den Rucken sehe», das heißt, du kannst ihn nur in den Folgen der Ereignisse erkennen Aber sein Gesicht kann nicht gesehen werden, so lange du dich mitten in den Geschehnissen befindest, kannst du sie nicht begreifen und enträtseln. Wie viel Ströme Blutes sind zum Beispiel in der französischen Revolution vergossen worden, über wie viel edle Menschen kam damals Not und Drangsal! Und doch ist dieses Blut nicht umsonst geflossen. Die Ideen von Freiheit. Gleichheit und Brüderlichkeit haben sich seither unaufhaltsam Bahn gebrochen, und Millionen, die vorher unter schwerem Drucke seufzten, haben endlich den Weg zu einem menschenwürdigen Dasein gesunden. Wie? Wenn es auch seht ähnlich wäre? Wie wollten wir alle Leiden und Opfer des Krieges geduldig ertragen, wenn wir wüßten, daß aus dieser Tränensaat eine Ernte des Glückes ersprießen wird Wie? Wenn dieser Krieg der letzte aller Kriege wäre, wenn infolge der Greuel, die er mit sich bringt durch Vernichtung von Werten, die unersetzlich sind, die Menschheit zum ewigen Frieden geführt würde? Wie würde dann dieser Krieg als die Quelle einer neuen, schöneren Weltordnung zu preisen sein. Man schelte mich nicht einen Phantasten, der, weil er in einem Lande lebt, das Neutralität und ewigen Frieden aus seine Fahnen geschrieben, eine Utopie für möglich hält. Ich weiß, daß Fichte gesagt hat: die Kriege werden erst aufhörcn, wenn die „menschlichen, allzumenschlichen" Ursachen der Kriege verschwinden werden, die Begehrlichkeit, die Ländergier, die Mißgunst, der Neid aus die Erfolge Anderer. Aber ebenso wie im Leben der einzelnen Menschen das Faustrecht verschwunden ist, um einer staatlich geordneten Rechtspflege zu weichen, die allein den Bestand der menschlichen Gesellschaft verbürgen kann, so wird ohne Zweifel auch einmal die Zeit kommen, in der die Völker ihre Streitigkeiten vor internationalen Gerichtshöfen Vorbringen und beendigen werden- Welche Triumphe wird dann die Kultur feiern, wenn sie durch verheerende Kriege nicht mehr gehemmt und um Jahrhunderte zurückgeworfen werden wird, wenn nach den Worten des Propheten Iesaia die Völker umschmieden werden ihre Schwerter zu Sensen, ihre Speere zu Winzermesscrn Wie ein böser Traum wird uns dann die Zeit der mörderischen Kriege erscheinen- Vielleicht ist diese Zeit näher als wir glauben, vielleicht hört mit diesem aus Neid und Haß geborenen furchtbarsten aller Kriege — der Krieg auf!