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Blätter · 1915-05-01 · 2 (5.1915) · p. Seite 9

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Journal
Blätter
Volume
1 (1915)
Issue
2 (5.1915)
Date
1915-05-01
Page
Seite 9 (sequence 11)
Language
German
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S. Schachnowitz, Die Lage in Russisch-Polen 9 auch durch Solidarität, enges Zusammenhalten und Festhalten an der Autorität des Rabbi auszeichnen, sind die Krantruppe der jüdischen Bevölkerung, und geben als Majorität den Ausschlag, wie dem ganzen jüdischen Leben in Stadt und Land Ziel und Richtung. 2s Wie der Chassidismus so ist auch der Z i o n i s m u s, in Polen wenigstens, aus der Not und dem Sehnen der Zeit heraus geboren. Seine Anhänger rekrutieren sich hauptsächlich aus den eingewanderten Littauern, ,.Litwakes' genannt, aus jüngeren Elementen, die der jahrtausendealten jüdischen Sehnsucht klarere Ziele geben zu müssen glauben, als dieses, ihrer Meinung nach, die Kabbala des Chassidismus tut. 2) Die im sozialistischen Bunde vereinigten Arbeiter, bleiben in ihren Schwärmereien hinter den Chassidim und Zionisten gewiß nicht zurück, ersehne aber die Erlösung im Wölkenkuckucksheim eines sozialistischen Zukunftstaates, für den sie ihre Haut zu Markte tragen, die russischen Gefängnisse und die Marterstätten der sibirischen Bergwerke bevölkern. 4) Die Assimilanten bilden eine kleine Oberschicht, sind aber dessen ungeachtet in der Gemeinde oft die „Regierungspartei'', weil sie das Geld» und damit auch die Macht und den Einfluß haben, und sich die Führung der Gemeinden erzwingen, was nur selten der Masse zum Wähle gereicht. Sie haben die innere Fühlung mit den breiten Schichten ihrer Brüder verloren, und in vielen Jahrzehnten konzentrierte sich ihr ganzes Streben daraus, den Anschluß an die polnische Aristokratie zu finden. Diese Herren waren es, die in den letzten Jahren die bitterste Enttäuschung erlebten und mit der Einsetzung des polnischen Boykotts vor dem Zusammenbruch ihrer ganzen Lebensarbeit und Lebenshoffnnng standen. ÜOVKvtt. Zur Borgeschichte des Boykotts sei hier folgendes vorausgeschickt: Polen und Juden, gleich unterdrückt und entrechtet. Was wäre also einfacher und natürlich, als daß diese beiden Völkerschaften politisch zusammengehen und mit geeinter Kraft ihre bedrohten Interessen wahren? Das Zusammengehen scheiterte aber an der inneren Garstigkeit, Engherzigkeit und Herrschsucht des Panenvolkes. Seitdem Rußland in der Duma die Karrikatur eines Parlamentes besitzt, war das Streben der Polen dahin gerichtet, die Juden in ihrer Mitte sich aus dem Wege dieser ..Volksvertretung" möglichst zu unterjochen. Bei der Wahl für die dritte Duma muteten sie in der jüdischsten Stadt der Welt, in Warschau, den Juden zu, ihre Stimme einem Abgeordneten zu geben, der öffentlich erklärte, für die Rechte der Juden nicht eintreten zu wollen. Das lehnten die Juden natürlich entschieden ab und enthielten sich der Wahl, oder reichten ihre Hand der Arbeüerfraktion. deren Kandidat, ein Russe, namens Pagillv, gewählt wurde. Das konnren die Polen seitdem den Juden nicht mehr vergessen, und sie verhängten über sie den wirtschaftlichen Boykott. Kein Pole betrat mehr einen jüdischen Lade». Alle geschäftlichen wie gesellschaftlichen Beziehungen wurden mit den Juden abgebrochen. Eigens dazu gegründete Zeitungen proklamierten die

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