Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 1 (1915)
- Issue
- 2 (5.1915)
- Date
- 1915-05-01
- Page
- Seite 8 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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8 S. schachnowitz, Die Lage in Russisch-Polen Telsch, Nowogrudok und überall in Littauen. Wir sehen hier im größeren Maßstabe, was wir im Mittelalter im kleinen erlebt haben. Damals blühte das Judentum innerhalb der Ghettomauern, weil der Jude, je mehr die Not draußen pochte, Trost und Zuflucht in seinem Innenleben suchen mußte. Rußland besitzt aber heute ein großes Landesghetto. Sechs Millionen sind in den wenigen Provinzen des Westens zusammengepfercht, wo sie ohne Licht, ohne Luft, ohne Recht vegitieren. Und so konnte sich ein jüdisches Geistesleben entwickeln, eine jüdische Reinkultur, die von allen äußeren Einflüssen unberührt, von allen Stürmen der Zeit unerschüttert blieb. Um lliclljüiöii Polen. Mit diesen Eindrücken gehen wir, innerlich reicher und stärker, wieder über den Niemen und fahren hinunter nach dem Süden, nach Warschau und Lodz. Städenamen die heute in aller Mund sind. Lodz, das Manchester Polens genannt, zählt bei einer Gesamtbevölkerung von WO OOO Seelen, 180 000 Juden. Hier bietet sich unseren Augen ein ganz anderes Bild dar als in Littauen. Arbeit, Geschäftigkeit, frische Iniative, Handel und Tatkraft, wobei für das Thorastudium nicht soviel Zeit und Sinn übrig bleibt. Die Tuchfabrikation, die den Namen der Stadt in alle Welt hinausträgt, liegt ausschließlich in den Händen der Deutschen und der Juden. Hier gibt es an 30 000 jüdische Arbeiter, die stark das soziale und öffentliche Leben beeinflussen. Die Juden sprechen alle mehr oder weniger deutsch. Die jüdische Intelligenz wurzelt sogar dermaßen im deutschen Wesen und in der deutschen Kultur, daß sich zu Friedenzeiten, und auch jetzt unter der deutscher Macht, jüdische Zeitungen in deutscher Sprache halten können. Wo ein Arbeiterstand in diesem Maße existiert, muß es auch ein Proletariat geben, das in noch weit stärkerem Maße in Warschau vertreten ist.— Warschau, die Dreiviertelmillionenstadt, und nach Londou die größte jüdische Gemeinde der Welt — sie zählt über zweihunderttausend Seele — kann die Lodzer Industrie nicht aufweisen. Die Stadt ist der Zufluchtsort für alle, die die Not des Ansiedlungsrayons und die Beamtenschickanen im Innenlande aus der Heimat verdrängt. Sie teilt daher mit Wilna und Kowno das unbeschreibliche wirtschaftliche Elend, leider aber nicht auch den vorhin geschilderten geistigen Reichtum. Hier ist auch schon das Hunger- und Lumpenproletariat vertreten. Auch im Iudenviertel — es macht den größten Teil der Stadt aus — gibt es einzelne Stätten, in denen Leid und Laster Hand in Hand gehen und in dumpfen Kellerwohnungen neben der Not auch das lichtscheue Verbrechen haust. Der Kern der Bevölkerung ist aber ein durchaus gesunder. Sie kann, nach politischer und religiöser Richtung gesondert, in vier Gruppen geteilt werden: I) Chassidim, 2) Zionisten, 3) Arbeiter» 4) Assimilanten. 1) Die Anhänger des Chassidismus, dieser Weltanschauung der vertrauensvollen Lebensbejahung, die mit der Seele das sucht und findet, was der klare Verstand nicht zu erforschen vermag und das beste in uns von den äußeren Stürmen unberührt lassen möchte, die Anhänger dieser Lehre, die sich