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Blätter · 1915-05-01 · 2 (5.1915) · p. Seite 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Blätter
Volume
1 (1915)
Issue
2 (5.1915)
Date
1915-05-01
Page
Seite 10 (sequence 12)
Language
German
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10 S. Schachnowitz Die Lage in Russisch-Polen Aushungerungspolitik gegen die Juden, und es entstanden ganze festgefügte Organisationen für diese edie Hast- und Hetzarbeit. Das alles unter den Augen der russischen Behörden, denen nichts lieber sein kann, als eine Verhetzung der beiden Völker gegeneinander und die Hilfe der Polen in der Ausrottung der Jude». Nur zwei Jahre Boykott. Sie genügte, um tausende und abertausende jüdische Existenzen völlig zu ruinieren und eine Sphäre des Hasses zu schaffen, wie sie die Geschichte Polens noch nie gesehen hat Der Kneg. So traf im August l!U4 der Krieg die Iudenheit im Russisch-Polen. In Littauen bei Not und Elend, umrauscht und umstrahlt vom Lichte der Thora, in Polen aber im harten Kampfe aller gegen alle. Im Kampfe der Parteien untereinander, aller Parteien zusammen mit den Polen, und der Juden und Polen einerseits mit dem russischen Bedrücker andererseits. Und jetzt? Soweit Nachrichten zu uns dringen, sind die Städte und Städtchen im Manischen Rayon, soweit sie von den Deutschen noch nicht besetzt sind, verlassen, die Ehedarim sind geschlossen, die Ieschiwaus verödet, die Juden aus der Feuerlinie verjagt oder geflüchtet. Die Tragödie aller Tragödien erleben aber jetzt die Juden in Polen. Wie sich so manche Industrie ber Lage angepaßt hat, so haben es auch die Polen verstanden, ihr Hast- und Hetzwerk auf die neuen Dinge einzustellen. Anstelle des Boykotts trat die Verleumdung der Iud e'n bei den Russen. Man stelle sich folgende Situation vor: In das friedliche Stäbchen ziehen von Norden her die Kosacken ein. Ihr erstes ist, die Iudenhäuser und Iudengeschäfte auszuplündern. Wer sich als Beschützer seines Eigentums zur Wehr setzt, wird einfach niedergemacht. Die Kosacken ziehen in die Schlacht. Man atmet etwas freier auf. Aber nun fliegen Kugeln und Granaten in den Ort, von beiden Seiten. Man sucht Zuflucht in Klüften und Kellern es kostet Opfer. Aber das Blut war nicht umsonst geflossen. Die deutschen Befreier haben vom Orte Besitz genommen- Man jubelte ihnen, in ersterer Zeit wenigstens offen zu. Nach kurzer Zeit ziehen aber die Deutschen wieder ab. Die Kosacken sind wieder da. Nun treten die während der deutschen Zeit ganz im Hintergründe auf der Lauer verharrenden Polen auf den Plan und führen die Russen in alle jüdischen Häuser in denen man den Deutschen angeblich Gastfreundschaft geboten hatte. Der Rest ist Hängen, Würgen, Mordbrennen und Austreibung. Auf diese Weise sind schon seit Kriegsausbruch Ströme jüdischen Blutes geflossen. Ganze Gemeinden wurden mit Greisen, Kranken und Säuglingen in die Nacht hinausgejagt, oft auch als Schutzwall dem Feinde vorgetrieben.- Doppelt die Strafe, wird es auch der Trost sein? Ja, wenn nach der Größe des Leides das Heil bemessen wird, dann müßte dieses ungemein sein. Geht ein Teil des polnischen Iudenrayons in den Schutz Deutschlands oder Oesterreichs über, dann war der Siegespreis all des Blutes und der Tränen wert. Was aber dann die Aufgabe der Orthodoxie sein wird, darüber soll man sich jetzt schon Klarheit verschaffen. Das Problem „Ost und West" bekommt ein aderes Gesicht und wird eine innerdeutsche Frage. Wir Gesetzes-

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