Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 1 (1915)
- Issue
- 2 (5.1915)
- Date
- 1915-05-01
- Page
- Seite 7 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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S. Schachnmvitz, Die Lage in Russisch-Polen 7 Kellerwohnungen hinunter, mit denen verglichen der Unterstand eines Schützengrabens wohl ein Palast sein dürfte. Man schaut in Krämerladen, deren ganzen Warenbestand eine halbgefüllte Heringstonne und ein Säcklein Salz ausmachen. Mitten auf der Straße halten Obsthändler ihre Auslagen feil, ein Häuflein halbfauler Apfel oder Birnen, symmetrisch umrahmt von einigen Zwiebeln. Ein Mann in einer nicht wiederzngebenden Gewandung starrt mit leeren Augen in den Wagen und lacht wiehernd auf: Einer der vielen Wahnsinnigen, die hier zu Dutzenden frei herumlaufen. Da der Kutscher trotz seiner Beteurungen den Weg nicht kennt und sich erst befragen muß sind wir bald von Menschen umringt, die mit ausgestrcckten Händen unsere Haltegelegenheit ausnutzen. Ein Schutzmann, der von der anderen Seite auf uns zukommt, näselte etwas, und ich erfahre durch den Kutscher, daß er auch etwas haben möchte. Er tut es um jeden Preis. Alles auf öffentlicher Straße unter den Augen des versammelten Volkes. So das äußere Antlitz der Stadt. Allein welch reiches Innenleben, welche Fülle von Geist und Gemüt Hüter diesem häßlichen Gesicht, hinter dieser trostlosen Fassade. Eine Stunde später bin ich im alten Beth Hamidrasch. Welches Leben und Treiben. Welch herzerhebendes Bild. Zu Hunderten sitzen sie da und lernen, Jung und Alt, Greise und Kinder, alle sind sie beim Talmusstudium vereinigt. Kaufleute beginnen hier ihr Tagewerk und schließen es abends bei der Gemoroh. An langen Tischen sitzen in der Dämmerungsstunde Arbeiter, Handwerker, ja sogar Soldaten und lauschen, die fahlen Gesichter vom Strahle der Thora beleuchtet, aus das Wort des Vortragenden, der aus alten vergilbten Büchern das passende Wort für Lebens Leid und Lust hervorholt. Und morgens, wenn ich erwache und spät abends, wenn ich zu Bett gehe, immer und immer ist es die einschmeichelnde Melodie der Thora, die Stimme der jüdischen Kraft, die an mein Ohr klingt. Damals hatten wir in der deutschen Presse lebhafte Diskussionen über die Zukunft der Juden. T e i l h a b e r, Werner Sombart u. v. a. ungerufe und unberufene Ratgeber traten auf den Plan und sorgten sich um unsere Zukunft, ja sie rechneten es mit mathematischer Genauigkeit aus, wann und wo und wie das Judentum untergehen müsse. Hier schämt man sich, jemals solche Worte ernst genommen und die Sorge geteilt zu haben. Hier im Zentrum der jüdischen Kraft, steht es vor uns klar: so etwas kann nicht untergehen! Und heute noch, so oft die Klage des Leids von drüben zu uns dringt und die Verzweiflung in unser Herz trägt, lasse ich jenes erhebende Bild in meiner Seele wieder ausleben und ich denke an jenen römischen Kaiser, der nach einer Erzählung des Talmud, vor dem Angriff seinen Feldherrn in die Straßen Jerusalems schickt, und, nachdem dieser von den Lehrhäusern, aus denen die Stimme der Lehre erklingt, berichtet, von der unbesiegbaren Stadt, ohne einen Pfeil abzuschießen, abzieht. Das Gleiche erleben wir drüben, in der Vorstadt Slabotko, wo in den großen Lehrhäusern des Rabbi Israel Galanter viele hundert Jünglinge aus dem ganzen Lande dem Thorastudium obliegen. Das Bild wiederholt sich in Wilna, Grodno, Minsk, Brisk, in den berühmten Ieschiwoth zu Woloschin,