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Blätter · 1915-05-01 · 2 (5.1915) · p. Seite 6

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Journal
Blätter
Volume
1 (1915)
Issue
2 (5.1915)
Date
1915-05-01
Page
Seite 6 (sequence 8)
Language
German
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6 S. Schachnowitz Die Lage in Russisch-Polen selbst ernähren kann, und vom Überschuß noch einiges an das ärmere Littauen abgehen kann. Die Industrie ist von kaum nennenswerter Bedeutung. In 700 Fabriken, die wohl eher als bessere Werkstätten anzusehen sind, sind nur wenige tankend ' rbeiier, ausschließlich Inden, beschäftigt, deren Erzeugnisse 3 Millionen Rubel jährlich betragen. Das ist, mit westeuropäischem Maßstabe gemessen, alles lächerlich gering. Bedenkt man aber die tausend Hindernisse, ans die die Industrie in Rußland auf Schritt und Tritt stoßt, all die behördlichen Schikanen, den ganzen steinigen Boden, aus dem diese Klein-Industrie geradezu hervorgezaubert werden mußte, so wird man der Initiative und der Tatkraft der Juden volle Bewunderung zollen. In diesen schwachen Insützen schlummert eine wirtschaftliche Kraft die, von einer vernünftigen und gerechten Wirtschaftspolitik einmal geweckt und aus der Gebundenheit befreit, reiche Früchte tragen würde. Haben wir es doch hier mit dem mit allen Mitteln der lichtscheuen Reaktion niedergehaltenen Leben einer äußerst reg- und betriebsamen Bevölkerung zu tun, in einer Gegend, die in ihrer Entwicklungsmöglichkeit hinter keiner Provinz des deutschen Ostens zurücksteht. Hier wird die erste Aufgvbe der Regierung sein, all die gebundenen Kräfte frei und dem Land, dem Gesamtwohl in entsprechender Weise nutzbar zu machen. l>ittgU6li. Anstatt die Reise südlich nach Warschau fortznsetzen, machen wir jetzt mit dem Zuge eine Schwenkung nach rechts über die Niemenbrücke und fahren in die Metropole Littauens, in Kowno, ein. Arm an Geld und Gut, dafür aber überreich an Geist und Gemüt, ist Littauen das Kraftzentrum, aus dem sich in unzähligen Kanälen der Strom der Geistes und des Wissens über ganz Rußland ergießt. Hier lebt noch der Geist des Wilnaer Gaon, des Rabbi Ehaim Woloschiner, des Rabbi Iizchok Elanan. Die größten Rabbiner, die blühendsten Ieschiwaus sind heute noch in Littauen. Die besten Seforim werden geschrieben und gedruckt in Littauen. Überall in Rußland, in Marschau wie in Odessa, in Petersburg, Moskau, wie im Kaukasus sind es littauische Lehrer, Rabbiner und Schriftsteller, die die Hüter und Träger der jüdischen Kultur sind, ünd wenn daher hier das geistig-religiöse Leben in der charakteristischsten Stadt Littauens, in Kowno geschildert wird, so ist damit zugleich die Quelle bezeichnet, von der aus das ganze geistige Leben in ganz Rußland getränkt und befruchtet wird. Als ich an einem heißen Sommernachmittag in Kowno einfuhr. eine Stadt mit etwa 80000 Seelen, darunter gut 60000 Juden und auf dem schmutzigen Platz vor dem Bahnhof ein Dutzend barfüßiger jüdischer Jungen um mein Gepäck rausten, und ebensoviele jüdische Droschkenkutscher in saftigsten Iüdisch-Deusch um meine eigne liebwerte Persönlichsieit stritten, war es mir nicht sehr behaglich zu Mute. Das Gefühl wurde nicht gehobener, als wir durch den Schmutz und das graue Elend der kleinen, holperigen Straße fuhren. In allen Ecken halbnackte Menschen, die entweder betteln oder kleine Gegenstände zum Kaufe anbieten. Man sieht von der Straße aus in

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