Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 1 (1915)
- Issue
- 2 (5.1915)
- Date
- 1915-05-01
- Page
- Seite 5 (sequence 7)
- Language
- German
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S. Schachnowit; Die Lage in Russisch-Polen 5 Haus und Habe beraubt, z. Z. aus der Flucht. In Palästina hungern die Massen und harren nuferer tatvollen Bruderliebe. Und dort hinter der Front der Kosakenhorden? Die Geschehnisse dortselbst entziehen sich heute unserer Kenntnis und unserer Hilfe. Das Wenige aber, das zu uns durchsickert, läßt das Blut in unseren Adern erstarren und unser Herz in wehem Schmerz sich zusammenkrampfen. Millionen sind dem Schwerte und dem Hunger, der Raubsucht bestialicher Plünderer und Frauenschänder schußlos preisgegeben Das ist, mit kurzen, Knappen Worten gekennzeichnet, die Lage der Juden hinter der russischen Front. Um ihre Ursachen zu begreifen und einige Perspektiven für die Zukunft zu gewinnen, ist es nötig, daß wir eine kleine Wanderung durch das östliche Kriegsgebiet unternehmen und erkunden, in welchem Zustand, geistig, religiös und wirtschaftlich gedacht, die Wcltkatastrophe unsere nichtsahnenden Brüder in Russisch-Polen angetroffen und wie sie ihren blutigen Stempel der Lage aufgedrückt hat. SuloMj Nehmen wir Lydtkuhnen als Ausgangspunkt, von welchem man in Friedenszeiten mit der Bahn Wirballen-Wilna in nordöstlicher Richtung, ans der linken Niemenseite, durch Nordpolen hinauf nach Kowno fahren konnte, oder hinunter südlich auf dem rechten Weichselufer, nach Warschau und Lodz. Wählen wir zunächst den elfteren Weg, der hinauf über Nvrdpolen nach Littauen führt. Stundenlang fahren wir durch eine trostlose Ebene, die schon eher den Namen Einöde verdient. Weit und breit kein Wald, keine Wiese, kein Berg und kein Baum. Viel unbebautes Heide- und Sumpfland une verkümmerte Felder. Hier und da eine unförmliche graue Gruppe von Banernhütten, die sich kaum über die dabei aufgeschichteten Düngerhaufen erheben. Kleine baufällige Bahnhöfe auf Stationen, die angeiüllt sind mit jüdischen Händlern. Das ist die vielgenannte Provinz Suwalki in Nordpolen. Die gleichnamige Provinzhanptstadt mit 30 000 Einwohnern liegt mehr südlich und weitab von dieser Bahnstrecke. Bei 800000 Selen zählt die Provinz ungefähr 125000 Juden, die mit dieser Seelenzahl erst an dritter Stelle stehen. An erster Stelle stehen die Littauer mit -100 000 Seelen, an zweiter die Polen mit 165000 Seelen. Den Rest bilden Deutsche und Russen ungefähr zu gleichen Teilen. Trotzdem sind es die Juden, die dem Ländchen das eigentliche Gesicht geben. All die aus den amtlichen Tagesberichten uns heute geläufigen Städte und Städtchen wie Mariampol, Wilkowischki, Kalwaria usw., sind im kleinen so gut jüdisch, wie es Warschau und Wilna im großen sind. Der Bauer, der bei den schlechten Verkehrsverhältnisseu ganz tief im Hinterland sitzt, kann ohne Vermittlung des Juden weder sein Land bestellen, noch seine Produkte auf den Markt bringen, noch sein Vieh einkaufen oder sonst sein Haus mit dem nötigsten Lebensbedars versorgen. Der Jude ist gewöhnlich auch Freund und Berater der Familie in allen persönlichen Angelegenheiten und vermittelt besonders den Verkehr des Landsmanns mit den Behörden. Landwirtschaft und Viehzucht sind hier trotz der primitivsten Mittel, mit denen der Bauer arbeitet, genügend entwickelt, daß sich das Land