Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 1 (1915)
- Issue
- 1 (3.1915)
- Date
- 1915-03-01
- Page
- Seite 6 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/6467833-6467833-9641066-9641068--0016-6468071- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
6 Dr. Goldschmidt-Bad Homburg, z. Z. im Felde, Ein Feldpostbrief Diese Einteilung hat in meinen Augen den großen Vorzug, recht alt zu sein. Denn das Büchlein, das wir in wenigen Wochen zur Hand zu nehmen hoffen, die Haggodoh enthält dieselbe Einteilung der Juden. Es wird dort allerdings nicht von drei, sondern von vier Arten geredet, auch bezieht sich der Autor nicht ans Erwachsene, sondern auf Kinder. Die dort angeführten vier Arten reduziere ich nur deshalb auf drei, um meine Einteilung übersichtlicher zu gestalten, und ein grundlegender Unterschied zwischen den Kindern dort und den Erwachsenen hier, kann wohl kaum gemacht werden. — Der Pflichtbewußte wird dort als Chochvm bezeichnet. Einer der alten Erklärer wundert sich schon, daß hier nicht im Gegensatz zur folgenden Kategorie, dem Roschoh, der Zaddik genannt wird. Aber wir wissen wohl, daß hier nichts anders stehen kann, als Chochom, denn der pflichtbewußte Jude braucht noch lange kein Zaddik zu sein, er weiß wohl, welches die Pflichten des Judentums sind, aber er ist trotz seines Wissens ein schwacher, abirreuder Mensch und noch lange kein auf der Höhe seiner Pflicht stets stehender Zaddik. Hingegen ist der, der seine Pflicht kennt, sie aber nicht kennen will, sie als nicht für sich verbindlich ansieht, ein Roschoh. Diese Klasse von Juden, die in den vergangenen Decennien recht häufig war, die Rabbiner Hirsch beispielsweise in seinen Schriften als Minim und Apikorsim öfters bezeichnet, diese zweite Klasse ist bei uns in Deutschland gegenüber der folgenden Klasse schon seltner geworden. Es sind also diejenigen, die nicht aus menschlicher Schwäche oder Irrtum (beschaugeg) ihre Pflicht verletzen, sondern prinzipiell (bemeisid) die Gebote des Judentums übertreten. Die ihre Pflicht nichtkennende dritte Klasse, zerlegt der Verfasser der Hagodoh in zwei Unterabteilungen. Da ist zunächst der sicherlich wohlerzogene und gut unterrichtete Knabe, denn seine Frage ist präzis, logisch und ohne jeden verletzenden ironischen Beigeschmack, nur vom Judentum hat er leider keine Ahnung und daneben der ungebildete, sowohl in profanem wie jüdischen Wissen, denn er bringt es gar nicht fertig, seine Verwunderung vor dieser ganzen neuen Welt in nur eine Frage zusammen zu fassen. Sind es nicht fast immer wieder dieselben, zuletzt geschilderten Persönlichkeiten, die einem als Juden hier im Felde begegnen? Da findet man nichts von den alten Roscho'im, den Minim und Apikorsim. Das sind meist tüchtige und gebildete junge Leute, wenn man aber nach jüdischer Bildung sucht, dann gähnt ein kahler Abgrund. Das ist das Gros, von Ausnahmen, die ich auch wenigr