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Blätter · 1915-03-01 · 1 (3.1915) · p. Seite 5

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Journal
Blätter
Volume
1 (1915)
Issue
1 (3.1915)
Date
1915-03-01
Page
Seite 5 (sequence 7)
Language
German
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Dr. Goldschmidt-Bad Homburg, z. Z. im Felde, Ein Feldpostbrief 5 sondern auch manch ungleichmäßiges gleichmäßiger zu machen. Welch ungeheure Kraft in der Organisation liegt, das haben mir alle ja nie deutlicher geschaut, wie in diesem furchtbarem Kriege. Es sind ja förmliche Wunder, die unsere Organisation hier im Felde nnd daheim geleistet hat. Das haben auch unsere Feinde erkannt, und in blinder Wut schimpfen sie auf unseren Militarismus, weil sie uns unsere Organisation nicht nachahmen können. Wenn es also nötig wäre, einen Beweis zu erbringen, daß eine Organisation wie die Agudas Jisroel notwendig ist, die Gegenwart hätte diesen Beweis glänzend geliefert. Nun hat uns aber die Gegenwart noch mehr gelehrt. Sie hat allen zu unserer Ueberraschung gezeigt, daß ein viel größerer Schatz von Idealismus in unserer Jugend steckt, als wir alle geglaubt hatten, und dieser Idealismus ist nicht im geringen Maße bei unseren „Glaubensgenossen" zu Tage getreten. Wer sind eigentlich unsere Glaubensgenossen? Die Frage klingt rhetorisch, ist es aber leider nicht. Wir alle wissen, daß das Judentum kein Glaube ist, daß der Glaube bei uns nicht selig macht, daß das Judentum als einzigartiges Gebilde auch schwer in den Schubfächern, die wir Begriffe nennen, unterzubringen ist. Die beste Definition des Begriffs Judentum ist wohl der: das Judentum ist eine Verpflichtung. Jeder, der von einer jüdischen Mutter geboren ist, hat die Pflichten des Judentums ans sich zu nehmen. Heute, wo wir aus ähnlichen Motiven die schweren Pflichten der Vaterlandsverteidigung übernommen haben, wird uns eine solche angeborene Pflicht kaum noch so erstaunlich erscheinen, wie noch vor Jahresfrist. Nun kam: man seinen Pflichten entweder nachzukommen versuchen, oder diese beiden Klassen von Juden die, pflichtbewußten und pflichtvergessenen, haben mir in der Praxis eigentlich immer unterschieden und diese Einteilung mag auch einmal historisch berechtigt gewesen sein, zu einer Zeit, da man noch nicht verstand, die Begriffe Judentum und Judenheit zu trennen. Jetzt ist diese Einteilung sicher nicht mehr berechtigt, denn wir müssen noch eine dritte Klasse unterscheiden, die ihre Pflicht nicht kennenden Juden. Es ist wohl klar, daß diese mit den pflichtvergessenen nicht zusammen geworfen werden dürfen, denn vergessen kann man bekanntlich nur etwas, was man einmal gewußt hat, und eine große Zahl der heute in Deutschland lebenden Juden kennt ganz einfach ihre Pflicht als Juden nicht.

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