Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 12 (12.1918)
- Date
- 1918-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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er zugleich mit dem Sohn seiner Pflegeeltern, Bar-Mizwo werden und im Kreise der Gemeinde als erwachsen gelten sollte. Wie harrte sein Herz diesem Tage entgegen! Während sein Altersgenosse mit Hilfe des Rabbis eine „Charifaas-Droscho" lernte, hatte er einige von ihm selbst beim Lernen gefundene Ideen verarbeitet. Als der große Tag nahte, kamen von vielen Seiten Lamdonim und B'nei Thora, die beim Feste im Hause des Rabbi nicht fehlen wollten. Ein lautes, von Thorafreude und Pflichternst durchmischtes Treiben entwickelte sich vom frühen Morgen an. Aber am höchsten stieg die Spannung, als Mordechai „seine Ideen" entwickelte. Alle Einreden und Einwürfe, die bald da, bald dort dazwischen geworfen wurden, machten ihn nicht irre, nach eknigem Nachdenken wußte er sie sämtlich „abzuschlagen" oder „abzufragcn". Als er geendet, erhob sich ein Sturm des Beifalls, und alle waren sich einig in der Bewunderung und in der Überzeugung, daß in diesem Köpfchen Großes stecke und von ihm noch Größeres zu erwarten sei. Die Augen des alten Rabbi glänzten. Er kannte keinen Neid. Längst hatte er gemerkt, daß dieser Knabe von Gott gesegnet sei, er hatte auch bereits Kenntnis von seinen im Eifer betriebenen heimlichen Arbeiten. Er wußte auch ganz gut, daß er bereits drei Werke vollendet hatte. Jetzt wollte er es nicht länger verheimlichen, und mit vor Stolz zitternder Stimme rief er den 13 jährigen Schriftsteller zu sich und befahl ihm, seine Manuskripte herzuholen. Während der bescheidene Knabe noch zögerte, der Aufforderung Folge zu leisten, geschah etwas Seltsames. Die Frau des Rabbi, die während der ganzen Zeit bereits nur mit Mühe die Thränen des Zornes und der Kränkung unterdrücken konnte, war eifersüchtig auf die ihrer Meinung nach unverdiente Ehrung Mordechais gegenüber ihrem Kinde, in welchem sie sich selbst zurückgcsetzt sah. Als nun gar durch die Vorlesung aus den drei Werken des Knaben sein Ruhm noch zu steigen drohte, da hielt sie es nicht länger aus. Mit einem Bündel Hefte — den vielbesprochenen Schriften Mordechais — ging sie an den Herd und warf sie ins Feuer, indem sie rief: „Ihr habt Euch jetzt genug mit ihm beschäftigt, kümmert Euch auch um den anderen Bar-Mizwa!" Mordechai war hinzugesprungen, aber seine lieben, so sorgfältig gehüteten Blätter waren bereits ein Raub, der Flammen geworden. Da lief er hinaus, und draußen brach er in konvulsisches Schluchzen aus. Wohl wurde er vom Rabbi seibst geholt und seine Frau, die bittere Vorwürfe haccu mußte suchte ihn zu beschwichtigen, wohl bekannten ihm alle Anwesenden, daß sie von seinem Können überzeugt seien, aber Mordechai hatte nur den einen Gedanken: daß die Frucht so vieler Tage und Nächte, die Arbeit dreier Jahre und der Stolz seines bisherigen Lebens dahin sei. Eine eigentümliche Veränderung ging seit jenem Tage in ihm vor. So erfinderisch und regsam er bisher in der Entwicklung von