Mannheim
Compact Memory

Blätter · 1918-12-01 · 12 (12.1918) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Blätter
Volume
4 (1918)
Issue
12 (12.1918)
Date
1918-12-01
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/6467833-8970266-8970283--0802-6468040
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

9 G ESRA-RUBRIK. -O Aus den Kindertagen unserer Großen. Der lahme Knabe. Es war um die Zeit, die man gewöhnlich als den Beginn der Neuzeit feiert.. Vieler Menschen bemächtigte sich damals das Streben, in die Welt hinaus über die alten Grenzen der mittelalterlichen Welt hinwegzusahren, um Abenteuer zu erleben. , Auch die Juden Spaniens griffeil zum Wanderstabe. Aber nicht freiwillig, nicht um der Rciseabeilteuer willen, sondern gezwungen durch das harte Wort der Kirche, die nur mehr Christenmenschen auf der Erde dulden wollte. Ihr gehorchten Fürsten und Völler, und ihr wurden nun auch die Juden geopfert. Besonders Ferdinand, der König von ganz Spanien, aus dem er kurz zuvor die Mauren vertrieben hatte, wollte die über seinem Siege und seiner Größe ausgehende Sonne mit einer Tat des finstersten Glaubenshasses begrüßen... Alle Inden müssen vertrieben werden! Unter den Flüchtigen läuft auch ein dreijähriger Knabe mit. Er hat noch keine Ahnung vom Sinne des Lebens, wenn er auch den Ernst ihres Schicksals von ihren Augen abliest. Es ist eines der vielen Kinder, die ebenso wenig wie die Greise damals geschont wurden. Aber früher wie andere sollte dieser Knabe das Unglück spüren. Kaum waren sie mit Abarbauel in Neapel angekommeu, da wurde der Junge von einer tückischen Krankheit gepackt. Lange lag er darnieder. Endlich begann er sich zu erholen. ,Er konnte den Kopf wieder heben, die Arme wieder strecken, und neuer Lebensmut hätte ihn wieder erfüllt, wenn nicht ein großer Schmerz an ihm genagt hätte: Er konnte die Beine nicht bewegen. An beiden Füßen lahm! Anfangs hoffte er noch immer ans Heilung, bis er selbst an die Aussichtslosigkeit dieser Hoffnung glaubte. Der .Knabe, von dem hier die Rede ist, war Isaak ibn Akrisch. Sein Geschick ist umso tragischer, als er seiner ganzen Natur nach nicht zur Ruhe, sondern zur Bewegung geschaffen schien. In ihm lebte der Drang, selbst einmal die Länder und Städte zu sehen, die damals von Portugiesen, Holländern und Spaniern entdeckt wurden. Das ließ ihm denn auch auf die Dauer keine Ruhe. Obwohl gelähmt, wandelte er doch zuerst in der Welt umher. Mit Thränen in den Ailgen sagte er von sich: „Ich muß wohl zu einer Stunde geboren sein, wo der Planet Jupiter durch das Zeichen der Fische hindurchging". Wer nämlich nach der Meinung der Sterndeuter in jenem Monat geboren war, mußte ein Wanderlebeil führen. ltberall aber begleitete ihn die Erinnerung an Spanien und an das traurige Los seiner Kindheit. Da hob er, wo er nur konnte,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.