Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 12 (12.1918)
- Date
- 1918-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/6467833-8970266-8970283--0798-6468036- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
6 Erleben heißt, um noch einmal zu definieren, in des Menschen Bewußtsein tritt ein Gedanke ein, der ihm bisher völlig fremd war, denn ein Erlebnis ist das Aufeinanderprallen verschiedenwertiger Geistesmächte, von denen die Neue und Siegende bisher ungekannt war. Es ist der Fluch unserer Zeit, daß die Menschheit mit halbverstandenen Brocken um sich wirft, und mit zuviel oder zuwenig besagenden Phrasen operiert. Selbst der tiefer angelegte Mensch ertappt sich dabei, daß ein inhaltloses Wortgebilde über seine Lippen will. Warum sollte es unserer jüdischen Jugend anders ergehen? Das jüdische Erlebnis darf an und für sich nicht verworfen werden, nur lächerlich machen »sich diejenigen, für die es nicht bestimmt ist. Das Trachten dieser Leute darnach ist mit dem Verlangen nach einer Medizin vergleichbar, die einem Schwerkranken Heilung verspricht, der sich aber ein Gesunder bedienen will. Propaganda nach innen. Von Referendar Theo Heymann, Odenkirchen. „Wir können keine großzügige Propaganda treiben nach außen und uns an Kreise wenden, die im Leben all das mit Füßen treten, was uns heilig ist, vielmehr haben wir dafür zu sorgen, daß alle die, die sich zu uns gehörig fühlen, die wahrhaft anerkennen, daß wir eine Gesetzesnation sind, daß alle die in unserer Organisation zusammengeschlossen werden." So lautet die erste der Thesen, die von dem Referenten, Herrn Max Cohen, dem Bundestag vorgeschlagen und von diesem nach kurzer Debatte angenommen wurde. Propaganda treiben heißt, den Gedanken der Bewegung in mehr oder minder weite Kreise tragen, durch geeignete Werbearbeit ihn populär machen, um dadurch neue und mehr Anhänger zu gewinnen. , In unserer These ist offenbar ein Unterschied gemacht zwischen Propaganda nach außen und Propaganda nach innen. Diese Scheidung ist nicht ohne weiteres faßbar, aber der Redner hat durch Erläuterungen seine in der These ausgedrückten Gedanken zu erklären versucht. Und doch scheint mir, daß gerade hier ein Thema im Arbeitsprogramm nicht nur der Agudas-Jisroel-Jugend- Organisation, sondern der gesamten Agudoh verborgen liegt, wenig geklärt und wohl der Diskussion wert, insbesondere da die Grenzen flüssig sind, und durch die These ein auch nur einigermaßen brauch- _ harer Maßstab nicht gegeben scheint. Was formell gesagt werden soll, ist klar: Wir wollen nicht Kräfte vergeuden an Kreise, in denen infolge ihrer bisherigen Lebensführung nur geringe Aussicht auf Erfolg besteht, bczw. wo die aufzuwendenden propagandistischen Mittel unverhältnismäßig größer wären als das Erreichbare, sondern wir wollen nur da Propaganda treiben, wo der Ideengehalt des Judentums, wie wir es