Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 12 (12.1918)
- Date
- 1918-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Ich will sogar noch schärfer fassen und behaupten: Für den wahrhaften, bewußten Juden gibt es kein jüdisches Erlebnis. Sein Denken und Tun offenbart immer Judentum, dessen sich der Träger nur selten voll bewußt ist. Ich brauche nur an Dichter und Komponisten jüdischen Blutes zu erinnern, an denen sich —manchmal gegen ihren Willen — jede Faser als spezifisch jüdisch erweist. Mancher macht sich über die Art des jüdischen Erlebnisses eine recht eigenartige Vorstellung, sodaß es vielleicht nicht überflüssig ist, auch hierüber einige Worte zu verlieren. Nur in seltenen Fällen sind es an und für sich schon, auch vom objektiven Standpunkte aus betrachtet, bedeutende Momente, die ein jüdisches Erlebnis Hervorrufen. Es kann vermittelt werden durch ein Bild, ein Lied, ein Gedicht, eine Handlung, ein Gebet u. dgl. mehr, oder, nicht zuletzt, durch einen Freund. Der innere Vorgang ist für assimilierte oder indifferente Juden ein gguz gewaltiger, so fruchttragend oft, daß der Moment des Erlebens kurz bestimmend für die Gestaltung des ferneren Lebenslaufes ist. Kann es uns da Wunder nehmen, wenn ein solcher Jude dieser Offenbarung eine große Bedeutung beilegend, sie zur Krone seines Lebens macht? Für Herzl gab der Dreyfußprozeß (1895), für Moses Heß die Damaskuser Blutbeschuldigung (Febr. 1840) den Anstoß oder — um mit dem scheinbar mehr besagenden Worte zu roden — das Erlebnis, das ihre in gleicher Linie, wenn auch nicht in gleicher Kraft und Tiefe verlaufenden Bestrebungen einleitete. Alle die Männer, deren Wiege im Hause der nmaus hoaulom gestanden, wurden durch ein Erlebnis zum Judentum geführt. Es ist ein Widersinn, etwa glauben zu wollen, daß es Menschen gab, die sich aus Vernunftsgründen zum Judentum bekannten. Ein Übertritt um gewisser Vorteile willen kann uns nie und nimmer genügen. Theodor Herzl hätte ein Recht gehabt, vom jüdischen Erlebnis zu sprechen. Für ihn wäre es keine Phrase. Er empfand den Haß, fühlte den Peitschenhieb, den der johlende Pöbel in den Pariser Straßen seinen bisher vergessenen Brüdern austeilte, da regte sich in ihm der Jude. — Das war sein jüdisches Erlebnis. Betrachten wir Herzl weiter! War er v o r diesem Erlebnis ein Jude? Soweit liefert Herzl den besten Beweis für meine Behauptung: > Die Möglichkeit des Judentums „erleben" schließt ein Judentum „leben" vor dem Augenblick der Offenbarung völlig aus. Aber auch das jüdische Erlebnis machte Herzl nicht zum Juden. Einem Volke insgesamt kann sich ein solcher seelischer Vorgang mitteilen. Am Sinai hat unsere Religionsnation Judentum erlebt, da sie leer war an jüdischen Potenzen und Werten. Nur in diesem Zustande konnte das aus der Knechtschaft befreite Volk zu diesem Erlebnis fähig sein.