Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 10/11 (Oktober-November 1918)
- Date
- 1918-10-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/6467833-8970266-8970281--0757-6467996- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 6 dem Sinne, wie es von nnseren großen Männern verstanden wird, eben nnr in der jüdischen Religion zu seiner wahren Bedentnng kommt. Gerade so, wie die Anregnng zur Teschubah, die Mussar Bücher des Mittelalters nnd ans den letzten Jahrhunderten mit ihrem auf Herz und Gemüt einwirkenden Inhalt einen wesentlichen Bestandteil nnr der jüdischen Literatur bilden. In der Gegenwart will man von Mussar - eine kurze deutsche Übersetzung dieses Wortes gibt es gar nicht nicht gerne etwas hören; man findet deshalb auch nur sehr schwer den Weg zur wirklichen Teschnbah und die Folgen davon welch verständiger Mensch sieht sie nicht täglich in der jetzigen Zeit der ansteckenden Krankheiten, des Schwertes und der Kriege! Es ist an dieser Stelle vielleicht nicht unangebracht, darauf hinzuweisen, daß die hebräische Sprache keine Bezeichnung hat für das deutsche Wort „Gewissen". Dies ist um so merkwürdiger, als gerade die Sprache der Bibel sehr reich ist an abstrakten Begriffen und mehrere Ausdrücke gerade für Regungen des Gefühls kennt, >vo die modernen Sprachen nur einen einzigen Ansdruck haben. Sicherlich hängt das „Gewissen" mitdem Verbum „wissen" zusammen und bedeutet den Zustand, in welchem dem Menschen zum Bewußtsein kommt, daß er prüfen muß, ob er sich frei von Schuld zu fühlen vermöge. Nun hat der Mensch volle Willensfreiheit in all seinen Handlungen; jede Sünde als Produkt des Willens wird ihren Sitz in der Quelle aller Willensäußerungen, das ist nach jüdischer Anschauung das Herz, haben. Dian wird deshalb „Gewissen" am besten mit „Herz" wiedergeben und dem Ausspruch des Tannaiten in den Sprüchen der Väter (II 13) ganz beistimmen, daß ein gutes oder ein böses Gewissen die am meisten resp. am wenigsten zu erstrebenden Lebenswege für den Menschen sind. Bekanntlich gilt nach jüdischer Anschauung das Herz auch als der Sitz der Gedanken: Ein tiefer Sinn liegt darin, daß wir das Zentrum jeder körperlichen Lebensbetätigung zugleich als den Mittelpunkt allen geistigen Schaffens zu betrachten haben. Nach modernen Anschauungen sind Herz und Gemüt wohl fast identische Begriffe, stehen aber mindestens in der Theorie, häufig auch in der Praxis - im Gegensatz zum Verstand und zur Vernunft. Für uns Juden dagegen muß jede Gefühlsregung vom Verstand gezügelt werden, wie umgekehrt das Denken auch stets durch das Gefühl beeinflußt sein soll. Daher werden wir niemals dazu kommen, in Zeiten der Not und der Angst uns nur vom Gefühl leiten zu lassen und das Gesetz als Forderung an die Vernunft bei Seite zu schieben, sondern wir werden beide als Äußerungen des Herzens mit einander in Einklang zu bringen versuchen müssen und unser Wahlsprnch wird lauten: auch in der Not gilt das Gebot.