Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 5 (5.1918)
- Date
- 1918-05-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/6467833-8970266-8970272--0547-6467915- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
4 Nummer in unser Programm zu vollziehen, denn nicht eine Bereicherung unseres Programms könnte dies bedeuten, sondern eine völlige Zerstörung. Einseitiger Nationalismus, d. h. das Erheben des Volksgeistcs in seinen jeweiligen Kulturerzeugnissen zum richtunggebenden Faktor im Judentum kann niemals unser Programm sein, denn wir wissen ja, daß Judentum nicht etwas aus dem Volke Geborenes, sondern etwas von anßenher auf uns Gekommenes ist, zu dessen Empfangnahme wir uns erst würdig zeigen mutzten, das zu verstehen wir lange Jahre, ja, Jahrhunderte brauchten, das zu bewahren und zu befestigen und auszubaucn uns aber G. auch Dank der Eigenart unseres Volkes bis auf den heutigen Tag gelungen ist. Daß aber das Ende dieses Judentums, dieses Erbgutes, das allein unser jüdisches Leben und die Dauer unserer Tage verbürgt, gekommen ist, wenn wir jenem einseitig nationalistischen Gedanken Eingang gewähren, wie oben geschildert, das ist Wohl keinem unter uns zweifelhaft, und sollte auch alle» denen klar werden, die Verschmelzung oder wenigstens gemeinsame Marschroute wünschen. Aber nicht, um das zu sagen, was ja von berufener Seite bereits früher und besser gesagt worden ist, ohne deswegen auch in unserer Reihe voll anerkannt zu werden, komme» wir nochmals auf unser Problem zurück, sondern, um einem anderen Einwurf zu begegnen, den sogar Herr Di-. Wohlgemnth ganz leise in seinem letzten Aufsatz durchklingen läßt, nämlich, daß wir deutschen gesetzestreuen Inden bereits viel zu sehr assimiliert seien, wie das schöne Schlagwort heißt, um den K.'lall-Kedanke» überhaupt noch in seiner Wichtigkeit würdigen und propagiere» zu können. Und noch ein Zweites gilts: den Vorwurf abzuwehren, als wären wir zu dem, was wir leider sind, geworden durch die folgcnotwendigc Entwickelung in der Bahn, in die uns die Auffassung unseres großen Führers des vorigen Jahrhunderts gewiesen habe. Und in der Tat, es klingt verführerisch und paßt auch gut in das Bild von Individualismus, Nationalismus, Universalismus, wenn wir hören, daß unsere großen Aufrüttlcr in Deutschland, die Träger des universellen Gedankens sozusagen des jüdischen Weltbürgertums gewesen seien, während das Ostjudentum sich der Pflege des nationalen Gedankens hingcgeben habe. So geistreich dieser Gedanke auch sein mag, soviel Gefährliches haftet ihm u. E. dennoch an, nicht etwa in dem Sinne, daß man ihn, weil er für uns vielleicht gegenüber der heutigen Strömung, peinlich sein könnte und daher besser unterdrückt gesehen würde - wir wollen ja gern Fehler und Schwächen eingestehen, um sie abzulegen nein, weil er einfach in dieser Form nicht richtig zu sein scheint und weil er den Gegnern der gesetzestreucn Richtung und ihrer Organisation neue Waffen in die Hand geben könnte. Leider haben wir ja den Vorwurf aus jenem Lager schon so oft hören müssen, daß, wenn Unwahrheiten durch Wiederholungen wahr werden könnten, wir es fast glauben