Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 3 (3.1918)
- Date
- 1918-03-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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- 6 sich löbliche Ziel, die Jugend, die durch Ghetto und Großstadt körperlich verkümmert ist, wieder zu kräftigen, damit sie ihren nichtjüdischen Kameraden nicht nachstehe. Ein Liberaler erhofft sogar von der Zuführung der Juden zur Natur und zu den landwirtschaftlichen Berufszweigen ein Aufhören des Antisemitismus. („Im deutschen Reich" Jahrg. 1918 Nr. 1.) Mehr will er gar nicht erreichen! Von religiösen oder ethischen Gesichtspunkten ist dabei nicht die Rede. Was die zweite Absicht der Gartcnstadtbewegung, die Schaffung eines jüdischen Milieus, betrifft, so ist auch die vom Standpunkt des Gesetzes nur zu begrüßen. Denn Wo wäre man weniger von Hindernissen umgeben, wo könnte man besser sein Leben ganz in den Dienst des Höchsten stellen kol massecho jihju leschem schomajim — wenn nicht in jüdisch-überlieferungstreuem Kreise? In vielen Städten Rußlands hält am Schabbos die gesamte, auch die unfromme, jüdische Bevölkerung ihre Läden geschlossen: kostet doch die Sabbathheiligung, wo jeder Handel ruht, kein Opfer. Bei uns hingegen unterliegen viele sonst Fromme der übermächtigen Versuchung. Ganz abgesehen von dem Vorteile, daß in jüdischen Schulen und im Verkehr mit jüdischen Gefährten dem sich entwickelnden Kinde, dem um seine Anschauung ringenden Jüngling der fremde Hauch gottfeindlicher Lehren geschwächt, das lockende Beispiel anderer Sitten ferngehalten wird. Damit ein Abraham ganz Gottesdiener sein konnte, mußte er aus heidnischem Kreise fortgeführt werden. Man denke an die ergreifende Silage des Korachiden, dem der Zusammenstoß mit fremden Weltanschauungen die Sehnsucht nach der Gottesnähe und der jüdischen Umgebung hervorruft (Ps. 42 und 43; ähnl. Ps. 120). Aber bei genauerer Betrachtung scheint uns das „jüdische" Milieu in der neuen Kolonie nicht im mindesten gewährleistet. Statt striktester Erfüllung des Schabbos-Gesetzes an der Spitze sämtlicher Gebote wird uns „Sabbathstimmung und Festtagsweihe" versprochen! Bei dieser Sinnesrichtung nimmt es uns nicht wunder, daß jene Kolonisatoren ganz besonders noch darauf Hinweisen zu müssen glauben, daß neben dem Sportplatz und dem Vereinshaus sogar eine — Synagoge errichtet werden soll. Sonst aber schweigen sie über die Religionsrichtung, die in der neuen Gartenstadt herrschen soll; denn es gehört nicht zum guten Ton, über die religiöse Frage zu sprechen, die nur Uneinigkeit in das neue Werk hineintragen und es gefährden kann. Stillschweigend geht man an dem Zwiste vorbei, im Bewußtsein seines Wertes und in der Erinnerung an die Toten, die in früherer noch nicht so „aufgeklärter" Zeit auf diesem Kampffelde ihr Leben gelassen. Aus den angegebenen Gründen und bei den vielen Konsequenzen, die in der Praxis entstehen würden, scheint uns ein Zusammengehen mit den Kolonisatoren, wenn sich unter ihnen auch ein paar Orthodoxe finderx, mögen, viel gefährlicher als etwa die Nachteile eines Verharrens im nichtjüdischen Milieu.