Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 2 (2.1918)
- Date
- 1918-02-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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7 Vor und schrieb die gewünschte Antwort getreu nach Diktat nieder. Er war auch ihr Bankier und führte gewissenhaft Buch über ihre sauer erworbenen Pfennige. War das Geschäftliche erledigt, so versuchte mein Vater, ob mit dem einen oder anderen ein dewar thauroh zu reden war. Unsere Mutter saß mit ihrer Arbeit in der Stube dabei, und wir Mädchen hörten mit offenem Munde das fremde Joiom und die wohlkingenden Töne bei dem, was da geredet wurde. Auch das Deutsch unseres Vaters hatte sich verändert. Er sprach den unverfälschten Jargon seiner Gäste. Heute erinnere ich mich noch, sagte meine Freundin, wie sich das Gesicht dev Aurchim aufhellte, weil sie fern in der Fremde von ihrem Gastgeber die Laute der Heimat vernahmen. Den Männern war diese Fähigkeit meines Vaters ein Rätsel. Uns aber hat der Vater oft erzählt, wie seine Eltern ihm in seiner Jugend jahrelang einen russischen Rebben im Hanse gehalten hätten, und wie es der Stolz der Großmutter gewesen sei, daß ihr Sohn habe lernen können. Gar manchmal habe sie voll heimlicher Freude im Herzen an der Türe dem Lernen von Lehrer und Schüler gelauscht. Nach einiger Zeit, so fuhr meine Freundin fort, klappten mein Vater und der Aurach die Bücher zu. Die Mutter war in die Küche gegangen, um das Essen zu richten. Der Tisch wurde gedeckt, selbstverständlich für den Aurach mit. Da rief die Mutter uns Kinder, wir waren vier kleine Mädchen, in die Küche und sagte: „Kinder, stellt dem Manne ein Glas Wein hin, der Papa hat gesagt, der Mann kann lernen. Ja, wiederholte meine Freundin, „stellt dem Mann ein Glas Wein hin, der Papa hat gesagt, der Mann kann lernen", das waren die Worte meiner Mutter. Nicht sie selbst tat es, sondern ließ es uns tun. Wein hatten wir Kinder sonst nur an Sabbath und Festtagen auf dem Tisch unseres Elternhauses gesehen. Hatte der Aurach den Sabbath mitgcbracht. Das Verständnis für Talmidei chochomim ) matbim scholaum boantcnn mod)tc unbewußt in unserer Seele keimen. Die Hochachtung aber vor dem Ben Thauroh, die hatte ein für allemal bei uns Wurzel geschlagen, weil wir sahen, wie die Mutter ihn geehrt wissen wollte. 'Wenn mein Vater von einem sagte, er sei ein Lamdon. so war das ein Mann, der sich nicht nur Thora- Wissen angeeignet hatte und dies täglich durch Lernen vermehrte, sondern dessen Persönlichkeit auch an dom gereift war, was er gelernt hatte. Daß meine Mutter für Lamdonim ihre schönste Gastfreundschaft bereit hatte, daß das Lernen des Vaters allzeit in ihrem Herzen einen hellen Resonanzboden fand, das war es, was uns .Kindern früh die Achtung vor Limmud hathauroh weckte. An diese Erzählung meiner Freundin habe ich denken müssen, als man mir neulich in Kidduschin und Pessochim die Stelle zeigte, die besagt, nach welchen Grundsätzen sich der jüdische Mann seine Frau wählen soll. Nicht einen Nachweis über talmudische Kenntnisse verlangen unsere Weisen von dem jüdischen Jüngling, ehe er es wagen dürfe, eine Ehe einzugehen. Eine solche Forderung wäre sehr wohl denkbar, wenn man erwägt, welches Gewicht auf talmud thauroh gelegt wird. Aber das Mädchen, das der Jüng-