Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 2 (2.1918)
- Date
- 1918-02-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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w V; — 6 — getan. Jedenfalls wurde der Wert des Talmid Chochom noch einmal unterstrichen, und aus manchem Auge blitzte mir schalkhaft ein kühner Entschluß entgegen. Da meldete sich noch eine Schülerin, die mir wegen ihres kritischen Verstandes von jeher lieb war. „Kein Wunder, daß die Ostjuden besser lernen", meinte sie, „sind ihnen doch auch andere Stätten der Bildung verschlossen". — Polen war noch kein Königreich, und in Rußland gab es noch keine Revolution, als wir das Thema besprachen. — Der Einwand war gut. Und als Antwort folgte nur meine Frage, wie es denn wäre, wenn der Westjude, obgleich ihm alle Bildungsstätten geöffnet sind, erst recht Thauroh lernte! Gleiches wird auf das Tenachlernen der Mädchen angewendet. Gar manchmal haben die Kinder in Thauroh und Tenach gefunden, was sie als Eigentum irgend einer Literatur verehrt hatten, und es ist ihnen klar geworden, daß wir zu unserer Bildung nicht erst die Kulturen fremder Völker nötig haben, wenn wir sic auch gerne kennen lernen. Was den ganzen Menschen macht, den Menschen, der nicht nur seinen Schabbos peinlich hält, sondern dem auch Lüge und Schein verhaßt ist - - das ist das Wort Gottes. Das aber will gelernt und erfaßt sein - und noch einnxal so eifrig gehen wir nach solchen Exkursionen in unsrer Chumoschübersetzung weiter. Den Talmid chochom in das rechte Licht rücken, den am hoorez, und sei er auch ein Held anderer Wissenschaft, als solchen kennzeichnen, das kann die jüdische Lehrerin im jüdischen Unterricht. Mischneh und Gemoroh sind keine altmodischen Bücher, wenn das Kind, das Heranwachsende junge Mädchen steht, daß die Lehrerin, die es ja auch in andern Fächer unterrichtet, diese Bücher und noch mehr ihre Kenner schätzt. Voll Stolz wird dann auch das Mädchen daheim seine Tenach-Kenntniffe neben die Talmud-Kenntnisse des Bruders legen. Eine Wechselwirkung besteht so zwischen Schule und Haus. Viele Kinder bringen etwas von dem reiach hattauroh daheim mit in die Schule. Hier wird er ihnen mehr ins Bewußtsein gerückt, und sie nehmen ihn von der Schule gekräftigt wieder heim. Von der Schule aus Hilst also die Lehrerin mitschaffen an der Atmosphäre, in der limmud Thauroh gedeihen kann. Um wieviel mehr aber die Frau im Hause für Limmud hathauroh wirken kann, für das Lernen, das nicht nur den Verstand schärft, sondern vor allem die Persönlichkeit adelt, das mag eine Schilderung zeigen, die mir jüngst eine meiner Kolleginnen gab. Meine Eltern, so erzählte die Kollegin, wohnten in einem kleinen Städtchen. Gar viele polnische und russische Juden kamen - es war damals noch Frieden auf Erden — müde vom Wandern auf der Landstraße in unser Haus. Hohe bärtige Gestalten, auch solche mit gekrümmtem Rücken und zerfetzten Kleidern. Eifrig lief eine von uns Töchtern hum Vater mit der Bemerkung, eine Aurach sei da. Streng war uns von Kind auf verboten, etwa zu sagen, daß ein armer Mann Einlaß begehre, und der Begriff des Aurach war uns früh deutlich gemacht. Mein Vater erledigte den Aurchim die Post. Er las ihnen die Briefe von ihren Frauen aus der Heimat