Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1884
- Issue
- 52 (1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- Seite 207 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 207 — [ ab« dicsk Erscheinung unter gleichen Verhältnisse» in frühe» Matze wahrnchmbar. Wer den au« niederer Her- ,nsr emporgekommenrn preutzischen Geheimen Rach oder ine» sonstigen höheren Beamten }» beobachten Gelegenheit ehabt, wird sicherlich von solchen Erscheinungen nicht ergötzt worden sein, trotz ihrer Fähigkeit. Ehrenhaftigkeit und Pflicht» crue. — Eigenschaften, die nach meiner Erfahrung ollen mitzischen Beamten, welcher Herkunft sie sein mögen, gleich Uge» sind, und worauf Preutzen in der That stolz sein kann. I ... Achnliche Ansichten hal»e ich schon al« irind von meinem Maier gehört; wenigsten» schienen ihm die damals auftretenden »rjcheinungrn ähnliche Zustände zu plognosticirc», auch hegte Ir die feste Uebcrzeuguna, datz der. den Juden der Vergangen» Reit gelassene, einzige Berus — der Handel —. aus dieselben Rhadlich eingewirkt habe, ivril er nach seiner Meinung, wenn Ruch gemeinnützlich und unentbehrlich, doch al» einziger Weruf verderblich sei. 'Gleichzeitig flöhte mir mein Baker Rm Glauben ei», datz ich einer höher» Gesellschaftsklasse an» Rchorr »nd datz e» meine Aufgabe sei. Große» zu leisten, um Ren Glanz der Familie wieder herzustellr». I Diese Gefühle vrranlatztr» mich, »ach dem lode meines Maier» in meinem dreizehnten Jahre rbuifu die kaufmännische «allicre auszuschlagen, al« auch da» Studium i» Preuße» Ru untkrlassen. Letztere» »ainenllich. »veil ich nur durch Mjolilthätigkeit Anderer hätte studiren könne». Ich versuchte Räder »»ein Glück im Auslände, nicht ivril ich hoffte, dort liicichthum zu erwerben, sonder» weil ich i» der Ferne, frei Ihm den Rücksichten, die mich i» der Heimath hemme» mutzte», Inich vvrbercite» und befähige» wollte, meine Mission zu Insulten. I In de» Biographie» hat man. weil man damit etwa» Ifleleidigende» zu sagen glaubte, mich Baruch Hirsch genannt, lind al» den «oh» eine» kleinen jüdischen Ha»drl»ma»»rS in Isst-Polen bezeichnet. Mich würden l>eide Angaben nicht Iierletzen, — wa» auch da« Motiv der Bezrichnung sein I»»gr — wenn sie wahr nlären. Thatsache ist. und e« leben lechulgenosse» und Lehrer. die diese l>ekunden können, datz >rm Name Bartel Heinrich war. und datz Baruch Hirsch der l>ei mir nicht angeivandtr, sondern in» Jüdische übersetzte zlnche Name ist. Sofort nach meiner Anlunft in England IÜüIhich auf Wunsch n»ri»er Onkel und au« sprachliche»! Rücksichten mich Bethel Hcn»»i Strv»»bcrg geschrieben, bei «nnrm frühe» Ucbrrgaug zum Ehristenthum wurde diese« in der laufe bestätigt. und ich habe daher seit meinem 13 Jahre innen ander» Name» geführt. > Rebe» allgemeiner, deutscher, hebräischer und klassischer klildiiiig sprach mein Bater fertig Polnisch und Französisch »nd verstand Russisch und Italienisch. Er »vor rin guter Violinist und Eontrapunktist und beschäftigte sich gem mit »issenschaftlichen Studien. Er besaß außergewöhnliche Körpcrkriiie, >var in seiner Jugend bekannt al« einer der besten dinier und fand überhaupt Vergnügen in Gefahr und löiperlichen Anslrengunge». — Im Jahre 1812 zog da« französische 3. Armeekorps unter Eugen Beauharnai« durch iiiiskre Gegend. Man suchte Jemand, der dem Commistäriat «tiachirt »verden sollte, um die Verhandlungen mit den localen Behörden und die Verpflegung de« Armre-Eorp« zu leiten. Ren, »Kater ließ sich dazu bcivegen, die Truppen bi« zur russischen Grenze in einer höchst ehrenhafte» Stellung zu begleiten, und hatte dabei Gelegenheit seinem Paterlande iß nutzer,. Wir eminent diese» der Fall gewesen sein mutz, wird fo 'laistand beweisen, datz der König Friedrich Wilhelm III. «einem Bater. dem au« formellen Gründen seine Enttzhadigungsforderung von der eigen» gebildeten Liquidationsionnnjssion nicht bewilligt werde» konnte, in Folge seiner Verdienste und auf Borschlag de« damaligen Minister« sGraien von Lottnm) gegen Ende der zwanziger Jahre ein Hnadcngeschenk von 10,000 THaler» machte. Die Abschrift ber ^treffenden EabinrtS-Ordre ist in meinem »besitz. Rach dem FriedenSjahre heirathete mein Bater Caroline Gottheiiaer au» Jnowrazlaw. Meine Mutter war eine hochgebildete, schöne U.-.H brare Frau, deren sich »och Manche mit Lob und Liebe erinnern. Ihr Bater. den ich nur im hohen Grcisenalter gesehen habe, war nicht nur ein allgemein (geachteter, sondern hoch geehrter Mann und lebte im Glauben einer Bäter ein allein seinem Gott geweihte« Leben. Er hatte sich früh von allem weltlichen Treiben zurückgezogen; sein Bild schlvebt mir iwch vor Augen, schlank und grotz, mit langem schneeweißem Kopf- und Barl-Haar. E» thronte auf seinem Antlitz wahrhaft himmlische Ruhe und Ergebenheit. Ernst und Berklärtheit ohne Strenge oder Schein- Heiligkeit. Er gestattete den Seinigen vollständige Freiheit, den ZeitverlMnisse» entsprechend zu lebe» und legte sich au» religiöser Ueberzeugung Entbehrungen auf. ohne damit irgend welche Ostentatio» zu treiben. Während seine Kinder in Sitten und Wiflen »ach deutschem Muster lebten, behielt er für sich die Tracht und die Gebräuche bei, in denen er erzogen worden »var, seine Ordnungsliebe und eine angeborene Würde gaben seiner Erscheinung etwa» eigcnthümlich Edle» und Patriarchalische«. Er ging Winter und Sommer bei Tagesanbruch in de» Tempel, fastete täglich bi» 12 Uhr, und zwei bi« dreimal wöchentlich — den ganzen Tag. Die übrige» Stunden verbrachte er im Gebet und Studium der > heiligen Schrift. Al« ich ihn kennen lernte, nachdem er schon lange allein j gelebt und ich au-nahm-wcise während mcinc« kurzen Auf- ' enthalt» bei ihm wohnen durfte, besuchte» ihn Kinder, Enkel und Urenkel nur am Freitag Abend, um seinen Segen zu empfange», rin Gla» Wein »nt ihm zu genießen und dann ' „ach kurzem Aufenthalt wieder entlasse» zu werde». Er war zu vertieft in seiner Religio», um für Jroischc» Passion zu l>aben. er ivar daher stet« kalt, gemessen. Ohne eine Spur ' vom Pharisäerthui» war sein ganze» Wese» weihevoll, er Ivar keineswegs tief gelehrt und trug mchr« zur Schau, re! war im wahrste» Sinne de« Worte« ein vornehmer frommer Herr. Er starb hoch in den Rcunzigerii; vom Tempel kommend, wurde ihm der Tod meiner Mutter, der ihm lange verschwiegen geblieben, plötzlich mitgetheilt. Sie soll sein Lieblingskind geivese» sein und wurde früh von ihi» getrennt. Die Nachricht veranlaßte sei» sofortige» Verscheiden. E« werden sich Manche erinnern — den» damals gab e« »och wahrhaft Gläubige, sowohl Juden als Christen, — daß der Segen meine« Großvater«, al« von einem Heiligen kominend, hoch geschätzt wurde. Allerlei für den Familienlisch. Ar«ukf»r1 «. M. Wie es unsere Orthodoxen treiben, wie sie. die gegen Andere so streng sind, und Irden, der auch nur den geringsten Minhag verletzt, in Bann thun, unter sich über so manche» Brauch, so manche gute Sitte, ja so manche religiöse Vorschrift sich hinwegsetzen, da« beweist folgender Vorfall, besten sich bereit« die hiesigen TagcSblätter beniächtigt haben. Ein solche« schreibt unterm 18. d. Mt«.: .Ein Schulfest seltener An fand gestern Abend in der Seräumigen Turnhalle der „Realschule der israelitischen leligionSgesrllschaft" statt. Schüler und Schülerinnen führte» vor einem zahlreich geladene» Publikum Secnen au« den »Maccabäern", dem .Sommcrnachtstraum-, „Maria Stuart" und die Posse .Gott sei Dank, der Tisch ist gedecktrecht wacker auf. Dazwischen wurden schöne Gesang«, unv Musikstücke vorgetragrn. Eine ganze Mädchenklasse führte costüiniN die Rombergsche Kindersymptionie recht exact au«. Da« Publikum war hingerissen von den Leistungen und gab laut seinen Beifall kund. Man merkte e« den Aufführungen an, datz man für die Vorbereitung und Einübung nicht an Zeit gespart hatte, und in der Thal dauerten in den letzten 14 Ligen dir Proben bi« gegen 10 Uhr Abend«, bei denen