Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1884
- Issue
- 52 (1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- Seite 206 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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. * — 206 Wiederum stieg mit dunklen Schleien« sanft verhüllend die Nacht hernieder; wohl konnte man im Aufschauen nach dem strahlenderr Firmament, nach den ungezählten Welten, die droben in dem unfaßbar iveitrn Raume ihre Bahnen wandelten, alle» Irdische» auf Momente vergessen — um dann aber um so ricfcr erschüttert zu werden bei dem Gedanken aller der Leidenschaften, der seelischen wie körperlichen Qualen und der Grausamkeiten brr Staubgcborenen, die sich in einem verschwindend kleinen Winkel unseres Erdball» zusammendrängtrn. In einem Gäßche» de» Iudenviertel» in Wann» stand einsam ein beobachtender Mann, die hohe Gestalt dicht in in einen Mantel gehüllt, doch suchte sein Blick nicht den in ruhiger Majestät sich au«spannenden Rachthimmel. sein Auge durchwanderte nickt die endlosen Weiten, r« hastete mit leidenschaftlicher Innigkeit an einer Familirnscene, die er durch da» niedere Frnster mit Leichtigkeit Überblicken konnte. An dem runden Tische. von einer Lainpe beschienen, saß eine Mutter im Streife ihrer Linder. E« waren viele lange Jahre verflossen, seit der einsame Späher dort in jener Stulv untrr seinen Lieben an demselben runden Tisch gesessen, glücklich in sorglosen Traum der Lindheit! Und mm, da seine Seele ihn drängte, die Mutter, die so lange entbehrte, zu umarmen, ihren Lutz zu fühlen, ihren Legen zu erbitte», den geliebten Gefährten seiner Linderjahre, die nun zu blüliendr» Jünglingen und Jungfrauen herangeivachsrn, die Hände zu drücken: nun konnte und durfte er diesem brennenden Wunsche nickt nachgrben. Besser den herzbrechenden Jammer allein tragen und den Tode-kampf seiner Liebe im Dunkel der Nacht verberge«. al« die Seinen für eine Stunde Wiedersehen, um dann um so größere Quäle» ihnen und sich aufzuerlegen. Er widerstand der Htcrsuchung, unter sie zu treten, aber seine Blicke konnte er von dem Bilde nicht losreißen. Er la» in diesen Mienen die Tode»angst, da« der Jugend so natürliche Berlangen zum Leben, selbst zu einem Leben, armselig wie da« ihrige. Er sah sie mit der Mutter ihre Augen im Gebet zum Himmel rrhet>en. Dann blieb die Mutter allein im dem Gemach zurück und der Lauscher gewahrte, wie die Ruhe, dir sie i« Gegenwart der Linder bewahrt. sie verließ und eine schmerzliche Auftegung Platz machte. Zittrrnden Herzen» hörte er durch da» geöffnete Frnster ihr inbrünstige» Gebet. .Mein Gott! Eine« willst Du verschonen, mein erstgeborene», vielgeliebte» Lind — Elija! Ich hatte gehofft und gebetet, ihn Wiedersehen zu können, doch nun danke ich Dir, daß Du meine Bitte nicht erhörtes»! Segne ihn, Pater — o segne ihn! Lasse mein brave», mein kluge» Lind glücklich sein!" War e» ihr eigene» Schluchzen oder der Wiederhall, deffen Laut sie erschreckte und so vrrstvrt um sich blicken ließ I E« schien ihr al« ob zwischen Fenster und dem schwachen MondeSschimmrr ei» Schatten dahinglitt — doch ehe die aufgeregten Sinne sich sammeln konnten, um schärfer auszuschauen, war Alle» verschwunden. * » Am folgenden Morgen bedeckten schwere, bleifarbene Wolken den Morgenhimmet. In kleinen Schaarrn verließen die festlich geschmückten jüdischen Familien ihre Wohnungen, um, wie üblich, am siebenten Tage de« Passahfeste« die Synagoge aufzusuchen. Der Gottesdienst begann und ohne Unterbrechung wurde er zu Ende geführt. Laum jedoch hatte die herausstrebende Menge den äutzeren Hof erreicht, al« da« entsetzt aushorchende Ohr ein dumpfe«, unheilkündende» Geräusch traf, da» mit jedem Augenblick lauter furchtbarer anschwoll. Näher und näher kain der wüthende Pöbelhaufen, ein« umheimliche, undurchdringliche Schaar, lawincnhaft anwachsend und schauerlich beleuchtet von hochgehaltenen, funkensprühenden Fackeln, deren rothe Flammen grelle Lichter auf entblößte LIingen, Leuten, Aexte, Heugabeln und jede« Werkzeug warfen, da«, eilig aufgerafft, al» Waffe dienen tonnte. Immer näher wälzte sich die fanatische Menge. Laut» und dewegungsto» standen die Opfer im Schatten ihre» Tempel«; Frauen. Linder und Greise dicht zusammengedrängt in der Mitte, umgeben von Jünglingen und kräftigen Männern — sie alle mit gekreuzten Armen und erhobenen Häuptern; fein Glied, keine Mu»kel zuckte, kein Laut verließ die festgeschloffenen Livpen Bei diese« unerwarteten - nblick zögerten einen Moment erstaunt dir Peiniger. Eine schauerliche Pause, kaum minutenlang und doch Stunden der Qual in sich schließend. Mit verdoppelter Wuth die Waffen schwingend, stürzte sich dann der Hausen-vorwärt» an« Tode»«verk. .Zurück!- erklang da eine Stimme, nicht überlaut noch streng, aber bei allem Wohlklang so durchdringend, daß sie, Gehorsam heischend, jede» Ohr der Opfer wie der Schlächter traf. .Zurück! Laßt dir Schuldlose»! Ihr verlangt die Miffethäter — seht her — hier stehen sie! Ihr habt geschmoren, ihr Tod soll euch genügen; so nehmt sie denn und martert sie wie Euch gelüstet." Zwei Fremdlinge standen plötzlich zwischen de» widersta»d«Iose» Juden und der mordlustigen Meute; der eine eine edle JünglingSanstalt. der andere ei» Man» auf der Höhe de« Leben«. Mit dem Gebrüll »vahnwitzigen Hasse« und der Wuth der Enttäuschung stürzte der Haufen vorwäri« und umringte die beide» freiwilligen Märtyrer. Und hier ivollen wir innrhalten. Die Feder versagt ihre» Dienst, bei der entsetzliche» Seene de« martervollcn Tode« dieser beiden Edlen z» verweilen und die Srelenpein der geretteten Jude» zu schildern. d,e gezwungen waren, de« Marter» ihrer Befreier unthätig zuzuschaue». Lei» Schmerzen»- laut entrang sich den beide» Helden, a» denen der Pül>el seine Mordlust kühlte, kein Wort zu t>c» angsterfüllten Brüder» enthüllte diesen, wer die Fremde» waren, woher sie kamen. — — — Elija'» Prophezeiung ging i» Erfüllung. .Roch eh' sich der Sommer mit Rose» bekränzt" war er mit feiner treuen Rachel vereinigt. Liebliche Sominerblume» in Fülle bedecken einen niederen Grabstein in dem Friedhof de« alte» (Vebäudc«. da» so lange Elija'« Heiinath geivesen und verhüllten fast da« einzige, in de» Stein gegrabene War« .Rachel" mit ihren färbe» leuchten den Blüthenbü>cheln. » Die Namen der beiden Märtyrer sind bi« aus den heutigen Tag unbekannt geblieben: drnh zwei Lampe». die zu ihrem Gedächtiuß bi« zur Stunde in der Synagoge von Worin» brennend erhalten werden, sind stille Zeugen einer That der Selbstlosigkeit »nd de« Opfermuthe« zweier Männer, wie sie nicht häufig in den Annalen der Welt verzeichnet ist. _ Vethel Henry Ltro«»berg nnd das Judenthum. von M. W. (Schluß 1 Dem Drange nach geistiger Bildung ist r« zuzuschreiben, daß so Biele au» den ärmsten Ständeii de« Judenthum« die wissenschaftliche statt der koufmännischrn Earriere ergreifen. Hierbei kommt der Wvhlthätigkeitrsinn der Jude» de» Studirrnden besonder» zu Statten, indem, ihnen Freitische, Stipendien re. leicht bewilligt werden, und bei den» Anpassung»- verniögen, der Fähigkeit und dem Fleiße der Rasse habe« denn auch Biele auf den verschiedensten Gebieten Große« erreicht. Der Erfolg ist leider, wenn schon nur vorübergehend, doch auch von Nachtheilen begleitet, die nicht zn Unterschal e» sind. Diese Nachtheile treten zwar bei den Juden besonder« - hervor, weil, wie schon erwähnt, so Biele derselben au« de» ärmsten Llassen sich in unsere Gymnasien und Universitaieu emporhungern; e« liegt die Eischeinung aber in der Natur der Sache selbst; sie hat ihren Ursprung in einer wissenschastlichen Bildung, die der Herzensbildung und dem Stvoir-fkire weit voraus ist. Je größer der Widersprach in dieser Beziehung, je schlimmer die Folge. Bei Chrincn