Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1884
- Issue
- 51 (1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- Seite 202 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 808 — 3»ti «Lrttzrer. Hin ffapdri aut krr UrtkM«pMI4<c *« 3*»»« Ii4 war en schöner, thaufrischer Frühlingsmorgeu. 8lUr« umbrr war licht und heiter; smaragdfarbig leuchtete der frische Rasen in seinem Schmucke von mannigfach geformten und gefärbten Frühlingsblumen und selbst den dunklen Fluthen de« Rheinstromes mir seinen grauen Felsenufer» und schwarz, grünen, dichten Wäldern schienen die Lichtetfen ein goldig schimmerndes Gewand uo,geworfen zu habe»; auf die ernst dunkeln Wäldermassen am fernen Horizont und ein altes, ruinrnhaft zerbröckelnde« Gebäude fiel der all-verschönende Strahl der FrühlingSsoune und versuchte auf die chrwürdigen Mauern etwa» wie längst vergessenen Jugendglanz zurückzuzaubern. Inmitten der heitern Geschäftigkeit de» neuen Werdens der Ratnr mußte die tiefe Abgeschiedenheit des alten Gebäudes doppelt auffallen; schon damals, am Schluß des elften Jahrhundert», zierten die Rhrinufer blühende Städte, ragten gar stattliche Schlösser und Klöster auf seinen Höhen; doch jener haldzerfallene Bau stand völlig isolirt und fern voa bewohnten Städten. Es »oar eine israelitische Schule, deren Gründung so weit zurückdatirte. daß alle Einzelheiten in Bezug aus dieselbe eine durchaus sagenhafte verschleierte Färbung angenommen. — Ihrer Abgelegenheit vom Wrltgetriebe verdankte diese Pflanzstätte der Wissenschaft jedenfalls ihr ungehindert,.'« Fortiestrhe» in einer Zeit, da überall die Spuren von Seßhaftigkeit des Bolkes Israel mit Blut fortgewaschen wurden. Jahrhunderte schon konnten von dem stillen Wirken ehrwürdiger Lehrer in diesen Mauern erzählen. Lehrer. die in alle Mysterien der Gesetze ihre» Glaubens eingeweiht, jede ihrer Verordnungen in unentwegter Treue befolgten. Außer den Lehrenden wohnte» in dem Gebäude nur noch einige jüdische Familien, deren Häupter als ehemalige Schüler diese friedliche und sichere Stätte zu lieb gewonnen, um sie mit einem der Welt und ihrem Treiben zwar näheren, aber eben deshalb gefährlicheren Orte zu ver> tackschen — ukld mehrere Jünglinge, die eigner Wille oder der besorgter Eltern hierhergefnhrt, sich Studien zu weihen, die sie befähige» sollte», den Glauben ihrer Bäter zu verherrlichen, die sie stark machen sollten, für ihn. wenn e» Roth chut. zu kämpfen und zu sterben. Zwei Wanderer ziehen einher, der eine jüngere war seit seinem zehnten Lebensjahr einer der Zöglinge dieser Anstalt gewesen und stand im Begriff, nach seiner Vaterstadt Worms zu wandern, um seine verwittwete Mutter, welche er vor 14 Jahren verlassen, wiederzusehen und sie um ihren Segen zu seiner Wahl zu bitten, die auf die Tochter einer seiner Lehrer gefallen war. Dann wollte er zu oer Geliebten zurückkehren und vereint mit ihr in jener idyllischen Zurückgezogenheit auch ferner dahinlcden oder sich, wenn die Umstände eS gestatteten. ein anderes Heim suchen. Den zärtlich verlangenden Blick nach einem Fenster des altersmorschen Gebäudes rmporaerichtet, stand der junge Wandersmann in dem thauigen Rasen; die Kopfbedeckung war ihm entfallen und ungehindert beschien die Helle Morgensonne eines von jenen Gesichtern, die, nur einmal gesehen, sich dem Gedächtniß für immer einprägen. Jeder Zug darin athmete hohen, geistigen Adel, erzählte von einer Seele, die fähig war, sich für alles Schöne und Erhabene zu begeistern. Vergebens suchte man nach jenem scheuen Blick und der ängstlich unterwürfigen Miene, die in jener Zeit der Verfolgungen die Juden der Städte wie ein Brandmal kennzeichnte. An dem Fenster erschien für einige Augenblicke ei» überaus lieblicher Mädchenkopf; er neigte sich herab, eine kleine Hand winkte Abschiedsgrübe — und wieder war da» Fenster leer. Der Jüngling wandte sich zum Gehen und summte ein Liedchen von Lust und Liebe vor sich hin — da trat sein Gefährte auf ihn zu. ein Mann im reistren Alter, von strengem und düsterem Aussehen; in seinen tlefgefurchren Zügen stand geschrieben: mit jeder menschlichen Leidenschaft habe ich gekämpft, aber — ich bin Sieger geblieben! .Thor, der Du von Glück und Wonne singst I' wandie er sich i« Tone bittersteu Vorwurfs zu seinem jugendliche« Genossen. .Haben diese Lieder Sinn für einen Juden? Singst Du von Glück und Lust, so vergißt Du wohl, daß Du jener verdammten und verworfenen Rare angehvrst — kennst Du nicht ihr Schicksal? Giebt es etwas andere« für uns als Folter, Strick und Tod? Weißt Du nicht, daß in diesem neuen Krieg um des Nazareners Grab, diesen! heiligen Krieg, wie sie ihn nennen, da» Marsch. Signal der Todesschrfi der dahinge,chlacht»ten Juden ist? I» Speirr, Metz. Köln. Trier. Preßburg, Prag — frage dort nach dem Schicksal des Volkes Israel und dann singe ivenn Du kannst! — Frage den Fluß dort unten nach den Hunderten, die sich in seine, Dogen den Tod gegeben — denke an alle» di-'s und singe noch von Glück und Wonne!" .Alles da» weiß ich so gut als Du selber. Aron!" war die. ruhige Antwort, wenn auch ein aufsteigende» Roth i» dem bleichen Antlitz des Jünglings vrrrieth. daß dieses rauhe Erinnern an de» Jamincr seine» Volke» sein Herz tief schmerzlich gettosfen; .ich weiß, daß r» für uns nur da» Glück giebt, was wir in einer flüchtigen Minute des Bergesien» empfinden und nur die eine Hoffnung auf eine andere, vollkommenere Wlt. Glaubst Du, weil ich dank, baren Herzens für einen kurzen Traum irdisch:» Glücke» einen fröhlichen Sang anstiinmte. daß ich darum nicht de» Muth hätte, gleich Dir jeden Anspruch auf Lust. Liede und seligste» Hoffen zu entsagen, w.-nn e» Gotte» Wille ist?" .Ja. das glaube ich — denn Du liebst, — Du bist fröhlich in Deinem Herzen! Geschäftig erbaust Du Dir Lustschlöffer, deren Fall und Zerstörung Dich mit in den Staub ziehen wird; die Fäden Deiner Hirngespinnste fesseln Deine törichte Seele »nächtiger, als eherne Kelten an dir Welt und ihre erdichtete Lust — wie kann sie noch Gott gehören?" .Meine Seele ist Gottes! Alle die Gnade und die Segnungen, die ich durch ihn erfahren, erfüllen mein Herz mit so dankbarer Liebe für ihn, daß ich ohne Murren alle», iva» er mir gab. dahingeben könnte, wein e» sein Wille ist!" »DaS denkst Du nun! — O. prüfe doch, ob eS nicht auch nur ein Traum ist! Mir sind Glück und Hoffen so fern, wie da» blaue Geivölbe da ove» von der fühlloscn Erde, auf der ich nicht» sehe, als das Blut meiner Brüder!" .0 sich drüber hinweg — blicke aufwärts!" bat Elija in liebevoll eindringlicher Weise. .Warum soll r» denn für alle Ewigkeit mit dein Glücke Israels vorbei sein? Ist auch die Gegenwart dunkel und trostlos: die Zukunft wird uns lichtere Tage bringen. Jainmer ist u»S prophezeit und Freude auch — und Beides muß sich erfüllen!" Er sprach vergebens! — Eher würde es ihm gelungen sein, mit einem der Sonne geraubten Sttahl den fiiistcru Schnob der Rächt zu erhellen, als in die verdüsterte Seele seine« Freunde» rtivas von dem freudigen Glauben und Hoffen der seinigen zu gießen. Der Weg der Beide» war länger und beschwerlicher als sie vorausgesehen: pfadlose Wälder mußten durchwandert, reißende Bergströme durchwatet werden und bald genug erkannte» sie es als eine Unmöglichkeit, da» Paffajest, wie cs ihre Absicht gewesen, in WormS mit den Verwandte« zu feiern; so beschlossen sie, die Festtage über bei einem ihrer Glaubensgenossen, der nur eine kurze Strecke abseits von ihrem Wege ein Art Gasthaus hielt, zu bleiben und »ach . Ablauf derselbe» ihrem Ziele zuzustrebcn. Es war am viert» Tage ihres Aufenthalt« in der Herberge, als ein Mann in den Hof stürzte, bedeckt mit Staub und Schmutz, zum Tode erschöpft, kaum fähig, da» Fürchterliche, deffen Bote»r mar, zu berichten. Bon Neuem drohte dem Judenoolk Schnnch und Tod; er erzählte in unzusammenhängenden, abgebroch nc» Sätzen, wie an dem ersten Tage de» Passahfeste«, als eine Prozession mit der Hostie da» Judenviertel in Worms passirte, sich plötzlich Stimme» erhoben:^«« Juden, diegleich daraui»»- schwunde» wären, hätten da» Heiligthum beschimpft!" In Folge