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Jüdisches Familienblatt · 1884-01-01 · 59 (1884) · p. Seite 199

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1884
Issue
59 (1884)
Date
1884-01-01
Page
Seite 199 (sequence 3)
Language
German
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— 199 — Dir Thüre, dir jum Burrau de« Be»irk»hauptmanne« führte. war geschloffen, wril dort rinigr Parteien anwrsrnd waren. Dir drei Vorsteher mußten daher rinr Weile im Borzimmer «arten. Durch dir geschloffene Thüre hörtm sie dir resolute. oft harte Stimme dr« vezirk-hauptmanne« und da« war wahrhaftig nicht geeignet, ihrrn grbrugtrn Muth auszurichten. .Er ist in schr schlrchtrr Stimmung!' begann der Eine im Flüstertöne. .Dieser wüthend« Antisemit — daß Gott ihn vertilge!" wachte sich der Zweite Luft. »Weib Gott, wa« un« erwartet!" seufzte der Dritte. Mittlerweile ging die Thüre auf. durch welche einige Leute hinausgingen und alle drei Vorsteher sahen sich, ehe sie daran dachten, in da« Bureau de« Bezirk«hauptmanae« versetzt. Der Bezirtshauptmann war eine kurze, gedrängte Ge» sialt, tiesbrünett mit edlen, scharfgeschnittenen Gesicht-zügen und zwei schwarzen, blitzenden Augen. .Wozu denn, meine Herren, haben sich alle drei hieher bemühet?" ftagte der Bezirkshauptmann mit möglichst freundlichem Tone, al« er ihrer ansichtig ivurde, indem er sie zugleich mittelst einer Handbewegung einlud. auf dem seitwärt« stehenden Sopha Platz zu »chmen. . . Keiner der Borsteher wogte e« zwar von der ehrenhaften Einladung Gebrauch zu machen, aber Awremele der Stotterer fühltt sofort sein Rednertalent in sich erwachen .... .Ja" griff er vor. »alle drei sind wir hergekommen Euere Gnaden zu bitten." »Bitten —" wiederholte der Bezirkshauptmann »und wkgen wa«?" »Daß Euere Gnaden un« nicht verfolgend' Der Bezirk«hauptmann nahm wieder eine strenge Amt«» Miene an. „Berfolgen" betonte er scharf — »ich verstehe Sie nicht recht!" Sofort war der stotternd« Vorsteher seine« Rednertalente« verlustig . . . »Wegen der Ehedarim" mußte ein anderer Vorsteher für ihn ergänzen. . . „Diese Verfolgung nenne ich Heilung" erwiederte der Leziilshauptmami ernit »klebrigen« hat diese kranke, sieche Gemeinde außcrd.m noch so manche Amputation nöthig . . ." »Die Mitte, die Mikwe, die Miele"*) dachten alle drei Vorsteher und sie ließen die Köpfe hängen. .Doch da» gehört auf ein andere« Blatt" nahm in» »wischen der Bezickshauptmann mit freundlichem Tone wieder aus. »der Zweck, daß ich einen von Euch zu mir bitte» ließ, ist ein ganz anderer". Alle drei Borsteher richteten wieder die Köpfe empor. »Wa« für anderer?" forschte der stotternde Borsteher, der sich seine« Talente« wieder bewußt war. »Ich wollte Sie. meine Herrn, bitten" entfiederte der Bezirkthauptmann. »daß Sie mich heute Abend« in meiner Wohnung besuchen und zwar mit noch einigen". »Mit noch einigen —" wiederholten befremdet alle drei Vorsteher »und wozu?" „Morgen" gab der Bezirk-Hauptmann ganz harmlos zur Antwort, „habe ich nach meiner seligen Mutter Jahr» zeit und da möchte ich Kadisch sagen!" ,Haifisch sagen!!!" rissen alle drei Borsteher Mund und Allgen auf, doch Ahrele war bald wieder von seinem Ruth beseelt, indem er sich ganz familiär in da« Sopha, da« er früher nicht zu berühren wagte, gleiten ließ, eine tüchtige Prise au» seiner Tabaksdose holte und mit gar rnkrgischer Stimme hervorstotterte: »Si . . . si . . . si . . . sind Sie ja echter Semit!" *1 Die lodttnbährr, da« lauchbad, dt« Beschneidung. Si«e geschichtlich« Sicmiuifcenz. Die niedrige Stellung, welche den Juden bi« noch gar nicht vor langer Zeit in Rom zugewiesen war, zeigte sich, schreibt Ihr. A. Bergbau«, u. A. in der feierlichen Besitzergreifung de« Lateran- Seiten« eineneuen Papste«: In den un« vor liegenden „Erinnerungen eine« ehemaligen Jesuiten» zögling«" finden wir folgende. Mitteilung über diese Festlichkeit. al» Piu« DL den päpstlichen Stuhl bestiegen hatte: »Mitten auf dem Forum, am Triumphbogen de« Titu», machte der päpstliche HuldigungSzug einen Halt. Hier an diesem Erinnerungszeichen der Zerstörung Jerusalem«, an diesem Bogen, dessen Nähe der Jude sonst meidet, stand der Vorschrift gemäß der Rabbiner mit den Aeltesten der Syna» 6oge. Spott und Hohn, mit welchem der Italiener auch da» inglück nicht verschont, wurde dieser armen Deputation Seiten« de« Volke« hinlänglich zu Theil. vor dem Wagen de« Papste« niederknieend. reichte der Rabbiner die Thorschlüssel de« Ghetto hin und tat den heiligen Vater, ibm und seinen Judengenosien auch unter seiner Regierung die Bewohnung desielben zu gestatten. Al» Zeichen der Bewilligung schob der Papst mit abwehrender Hand die Schlüssel zurück und unter einigen verclausulirungen wurde ihnen ihre Bitte gewährt. Zu diesen Elauseln gehörte auch, daß sie sich beim päpstlichen Senate abzufinden haben. Die Juden schlichen von dannen. Die Demüthigung, welche ihrer om folgenden Tage auf dem Capitol harrt, ist noch größer, vor dem auf erhabenein Sitze thronenden Senator, welcher von anderen Würdenträgern und seinen Bedienten umgeben ist, erscheint di« Deputation der Juden; am Eingänge de« Empfangsaale« knier» sie nieder. Der Rabbiner, immer doch schon ein Greis, tritt vor zum Senator und bittet ihn ebenfalls auf feinen Knieen. den Juden den Aufenthalt lm Ghetto zu gestatten. Dir Erlaubniß nfird alrdann unter Ermahnungen und unter Auflegung einer Jahre-steurr ertheilt. Der Rabbiner bietet dem Senator ein Geschenk an, dessen Annahme verweigert wird; die Abgabe erfolgt aber dennoch im Vorzimmer an den Bedienten. Zum Zeichen der Entlassung gicbt der Senator dem Rabbiner einen leisen Fußttitt und die Deputation überbringt der im Ghetto harrenden Judenschast die Nachricht, daß sie in Rom bleiben könne. Piu« IX. hat diesen Tritt und andere demüthigende Leremonien äbaeschafft." Bei dem Pferderennen hatten die Juden am Earneval die Preise zu entrichten; eine bestimmte Anzahl mußte leben Sonnabend in der beim AuSgangr de« Ghetto an dem Tiber liegenden Kirche erscheinen, um der Predigt oder der Katechese eine« Kapuzinerpatrr« beizuwohnen. (Bei Gelegenheit einer Silberanleihe bewirkte da« Hau« Rothschild, daß dieser Gebrauch aufhvrte). Daß der Jude aber beim niederen Volke wenig geachtet ist. resultirt wohl auden niedrigen Beschäftigungen. denen er sich hingiebt. Einen ergiebigen Boden für dieselben findet er in Rom nur zu sehr, daher hat auch der römische Jude nie daran gedacht, den Ghetto za verlassen und sich ein Asyl in anderen Stadttheilen Rom« oder außerhalb der ewigen Stadt in irgend einem anderen Orte de« Königreich« Italien zu suchen; die Regierung vertreibt ihn aber jetzt förmlich gewaltsam au« diesen unsauberen Hütten de« Ghetto, indem sic die Baracken niederreißen läßt, um die Uferbauten an dem Tiber weiterzuführen. __ DaA Ä«de«viertel in Warscha«. Diesen Stadttheil schildert ein Berichterstatter der Höln. ZeitungWa« sie. die sich immer mehr judenfeindlich gebärdet, weil sie Fortschrittslmte und Juden in einen Topf wirst, berichtet, dürfte daher nicht al« Schönmalerei anzusehen sein: „von dieser „Altstadt" unterscheidet sich da« »Judeuviertel" eigentlich nur durch den Glauben seiner Bewohner und durch die große Einheitlichkeit seine« Eharaklrr«. Da

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