Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1884
- Issue
- 59 (1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- Seite 198 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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. / — 198 — .Und sie zwingen, den Weg Gotte» zu vertäfle»!* fielen wieder Andere ein. »Er fleht'» ganz auf die Jüdischkrit ab!» jammerte eiu Klogechor von verschiedenen Seiten. ,Wa» wiffet Hr?!» schrie jetzt einer mit einem superkugen Gesicht hinein. .Er will gar die Synagoge sperren lassen!" .Die Synagoge!» entsetzten sich Alle, ».und warum?» .Weil er schon zweimal aufgetragen, sie restauriren zu laflen!" .Und wo werden wir beten?» fragten Biele. .Wer, was Synagoge?» ruderte jetzt einer mit zwei langen, stabenden Händen heran. »Nicht die Synagoge, sondern dir Miktvc») will er sperren laflen, damit die jüdischen Sinder sich nicht vermehren!» „Und die ungesetzlichen Heirathen will er scharf überwachen!» ergänzte ein Zweiter. .Und was fang' ich jetzt an." jammerte einer, „morgen soll ja bei meinem Sohne Hochzeit sein!" .Nicht die Hochzeiten", trüstette ihn ein Zweiter. ..er will die Mile»*) avschaffen — ich had's au» sicherer Quelle.» .Und ich wieder weiß", berichtete ein Anderer, „daß er will, dir Todten sollen achtundvierzig Stunden liegen bleiben." ..Achtundvierzig Stunden!" entsetzte sich die ganze Gemeinde. „Und die Mittah*—) will er abschaffen und einm Leichenwagen einführen!» betheuerte wieder ein Anderer. .Und in Särge», setzte der Frühere fort, .ja. in Särge will er. daß wir unsere Tobten begraben!» .Särge!!" widerhollte die ganze Synagoge, „da ist es ja au» mit der Jüdischkrit!" „Was aber fängt man dagegen an?" raffte sich endlich der Vorsteher wir au« einer Betäubung auf. .Bor Allem eine Assife!" lautete die Antwort der ganzen Versammlung. Selbigen Tage« sah man schon wieder den Synagogendzxner mit d^rn hblzernen Hammer von Thor zu Thor umhrrgehen, um die Gemeinde durch drei Schläge zu der Assife zusammen zu berufen. Mit Weib und Sind, in großen, Hellen Schaaren, stürzte» sie Alle au« den Häusern in die große Synagoge. . . Auch diese Assife war um kein Haar auder«, al« die frühere; aber zu einem thatkräfttgerm Resultate brachte man e« dennoch .. Gezele Alle«, da« pfiffige. kluge Männlein der Gemeinde, war e« viermal, da» in der Roch Rath zu schaffen wilßte... .Bei ihnen", stellte er nämlich den Antrag, „finden diese Woche die Weihnachten stach da brauchen sie viele eßbare Dinge. Meine Meinung ist daher, man solle der Frau de« Bezirkshauptmanne» ein Geschenk von solchen Dingen machen. D«r Bezirk«hauptmann kann und darf von un« kein Geschenk annehmen, weil er beeideter Beamter ist; seiner Frau hingegen steht nicht« im Wege, e« zu thun, und soll sie nur erst von un« gewonnen sein, dann wickeln wir un« den BezirkShauptmann um den Finger. Nicht einmal schon gelang e« mir. durch die Frau den Manu drein zu bekommen." Der weise Antrag wurde mit allgemeinem Beifall angenommen. „Aber wer wird es wagen, diese« Geschenk zu überbringen?" Eine Weile bereitete diese Frage nicht geringe Berlrgenheit. Da war e« wieder der kleine Gezele. der die Mission' de« Ueberbrinaen« übernahm, denn an Muth fehlte e« ihm am allerwenigsten, wa« er ja schon zahllose Mal bewiesen hat. Mehr nämlich al« einmal, schon an die hundert Mal ließ er sich von einem Beamten zur Thüre hinautwerfrn *1 Da« t melle Tauchbad. ■*) Di« Beschneiduug. ***) Todtenbah«. uud schlüpfte zum hundertundeinten Male wieder hinein. Q sich dem „alleranädigsten Herrn" zu Füßen zu werfe». Selbigen Tage« noch sah man den muthigrn Gezele t», seinem Hause sich zu dem de« Bezirk-hauptmanue« dahj,, bewegen. Beide Hände mit. verschiedenen Eßwaren belad», mit einem Hut Zucker, mehreren Pfund Kaffee. Ehokolad, und auch mit einem lebendigen Wesen, da« schon einmal da» Capitol gerettet, nämlich mit einer fetten, wohlgemästet» San«. Bon allen diesen Dingen, mit Ausnahme der Gatt, verstand Gezele früher beiläufig die Hälfte bei sich zu Hach, zurückzulaffen. weil er da« Alle« viel zu schwer fand mit sic hinzutragen und da sagte er zu seiner Frau: .Red' ich ma ein. ich sei auch so ein Stücke! Bezirkshauptmann und vo, allen diesen Dingen kannst Du ja eben so gut wie der Hm BezirkShauptmann brauchen!" Böller Spannung erwartete die ganze Gemeinde d» Rückkehr Gezele'« au« dem Hause de« BezirkShauptmann^. Wie mußte diese aber erschrecke», al« sie nach kaum einer halben Stunde Gezele da« Hau« de« Bezirkshauptmannct verlaflen sah. ganz so beladen, wie er hingeaangen war. .Soll sie verbrannt werden, diese Bezirtthauptmännin!" kreischte Gezele al« Antwort auf alle Fragen, mit welchen die Leute ihn bestürmt haben. .Denken Sie sich, al« ich zu ihr hineintral. ftagte sie mich gar .wohin?» Ru. al« ob ma> e« ihr erst sagen brauchte? Natürlich war ich um «ntwon nicht verlegen. .Zu Ihnen, Allcrgnädigste». sagte ich. .nn Geschenk von der jüdischen Gemeinde!" Da schrie sic gar wie eine wahnsinnige: .Sie packen sich auf der Stelle damit fort!" Ich hatte aber trotzdem nicht allzu grobe Eile mich damit fortzupacken. sondern erwiderte: „Ist ia gar nicht Arge« d'rin. «llergnädigstr. nur so zu Ihren schönen Weihnachten eine kleine Aufmerksamkeit. Laflen sich'« mit Ihren allergnädigsten Mann uud Kinderchen wohl schmecken!» Da fing sie aar auf einmal so zu lachen an. daß ich glaubte, sie wolle sich ou«schüttrn. .Da« ist aber rin komischer Kauz!' rief sie dabei ei» über da« andere Mal. Der komische Kauz glaubte nun z» wissen, wa« er zu thun habe und fing a» alle die Dinar in der Küche abzulagern. Da wurde es gar auf einmal sehr ernst. — und wa« soll ich Euch da Biete« erzählen? — ich wurde einfach mit allen den Dingen zur Thüre hinau«geschoben. Ru» frag' ich Euch, mag sie nicht verbrannt werden, diese Brzirk-Hauptmännin?!» Ueber diese Frage war keine Zeit abzustimmrn, weil ja eine andere viel wichtigere sich jetzt in den Vordergrund drängte: Wa« nun ansange»? „Zum Bezirk«hauptmann muß einmal gegangen werden", entschied dir ganze Gemeinde, „um ihn nicht noch mchr zu reizen." „Aber wer? Welcher von den Vorstehern?" „Tie, Reb Mendel", begann einer zum Andern, „solle» zum Bezirkshauptmann gehen — Sie sind der Würdigste unter un«!"j „Wie heißt!" entsetzte sich dieser über diese Zumuthun, .Lust verkehtt, Sie, Red Awremel. sind der Würdigste, 5« sollen zum Bezirkshauptmann gehen!" „Reb Ahrele", wandten sich nun beide Borstehrr vereint zum dritten. „Sie sollen eigentlich hingrhen, weil Sie eine glatte Zunge haben und eine gewinnende Sprache führen!» „Was Ihnen nicht einfällt!" eiferte Red Ahrele. „3c eine alatte Zunge — ich schän sprechen — gar keine Spur!» Reb Ahrele'« Entrüstung war durchaus nicht unbegründet, denn er stotterte zum Erbarmen — allein, in FriedenSznten besaß er immer die Schwäche, sich bei jeder Gelegenheit alt Redner vorzudrängen, doch nicht in solchen hatten kritische» Zeiten... Eine Zeitlang blieb der edle Wettstrttt zwischen alle» drei Borstehern unentschieden. Am Ende fand man aber doch einen Au«weg. — E« begaben sich nämlich alle drei Borsteher mit vercinteu Kräften zum Bezirk«hauptmann hin.