Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Familienblatt · 1884-01-01 · 49 (1884) · p. Seite 195

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1884
Issue
49 (1884)
Date
1884-01-01
Page
Seite 195 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/6492351-8722841-5938254--0243-5377775
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

— 195 — dann gar Lehrer mit kurze» Röcken und entblößten >sm? Rein, da» darf man nicht länger müßig mitansehen! Und so veranstaltete man eine „Assife".*) An demselben Tage noch ging der Synagogendiener mit cm hölzernen Hammer von einem jüdischen Thore zum m> und lud durch drei Schläge, die er gegen dieselben rtc. alle Gemeindemitglieder zu dieser Assife zusammen. Mil Weib und Kind strömten sie alle in die große nagoge. die zum Ersticken sich mit Leuten füllte, daß man ubcn mußte, e» sei heute der Versöhnungstag. Wie e» bei dieser Assife zuging'/ Wer weiß nicht in Iizien, wie eine solche Assife beschaffen ist? — Alle Mäuler i in rascher und heftiger Bewegung, so daß die verschir. cn kreischenden, brummenden und lärmenden Stimmen sich cinem babylonischen Ehav» verwirren, au» welchem kein!ziger seine eigene Stimme unterscheiden kann. Da fängt Änagogendirner mit seiner Plätte, der „Pralnik" genannt, wüthend gegen den Tisch loSzuhaurn. uni in dieser Weise, geehrte Publikum aufzufordern, endlich die bewegten igm zwischen die Zähne zu stecken. Der Sturm geht l> dieser Aufforderung in rin allgemeine», nicht endenwollen- Zischen über, weil jetzt jeder sich verpflichtet sieht, den men durch rin „Schah!" zur Ruhe aufzusordn». Die g ruhrstörenden „Scha-Rufe" jedoch bewirken nur, daß n Einzelne sich drnn>grn fühlt, dem Anderen nachdrücklich! „Lcha" zu verbieten; natürlich geschieht da» durch ein i so kräftigere» und nachhaltigere» „Scha", was jedoch nur iache ist. daß die allgemeine, sich einander überbirtenden cha-Rufe" zu einem zischenden, gellenden und betäubenden irresbrausrn anschwellen — und >o geht die Assife zu Ende. Man sollte jedoch nicht glauben, daß man dadurch nicht einem Resultate gelangt ist — bewahre! Vielmehr belaß man bei dieser Assife »ach Leibeskräften die „Ehedarim" veriheidigen. Und man vcrtheidigte sie. In dem darauf jolgenden Montag nämlich hatte die >;e jüdische Gemeinde — gefa st et. Diese Bertheidigu ngSwaffe jedoch — sie mag wohl zu a> Zeiten von bewährter Kraft gewesen sein — prallte (mal ganz stumpf ab. Der verdammte BezirkShauptmann r einmal daraus versessen, dem Chedarimwesen den Garau» machen. Er belegte die Gemeindehäupter mit hohen Geld- >alen. überfiel oft selber die Chedarim und jagte die Kin- > auseinander, drohte de» Mclamdim mit Arreststtafen und i gor fing er an, Miene zu machen, die Kinder zwang»' ]i( in die städtischen Schulen hole» zu lasten — genug. 8 allgemeine Fasten schivächte nicht im Geringsten die Kraft n« so hartherzigen Bezirkshauptmanne». — _ 'Schlug folg,.) Avdifche Schule« im Souveruemeut Taurie«. Der Bolksschulendirector diese» Gubernium» hat einen licht veröffentlicht, der auch mit den Ehedarim, Talmudslli und sonstigen hebräischen Schulen sich speziell befttigt. Wir mtnrhmen ihm Folgende»: In Svmpheripol ft es 19 Schulen der Ebräer von der III. Rangstufe, ftr » Talmud-Thora und 19 Ehedarim. Die Lehrer der 4»lni sind staatlich zu ihrem Amte geprüft und sind tüch-!l. eifrige Pädagogen. Bon ganzem Herzen wäre r» zu ftschen, daß die Zahl solcher Schulen stet» zunchmrn >ch«k. Doch ein andere» Bild gewähren die beiden anderen ll>>. Die T.-T.-Schulen werden von Gemeindespenden, die lftirim durch da» Schulgeld erhalten, da» für jeden Schüler ich» wird. Gemein haben sie die Aufgabe, jüdische Reli- *• Lesen und Schreibe» der hebräischen Spracht zu lchrrn. 1 der Talmud-Thora bauen e» der veralteten Mnhode fast 3 Jahre (!), bevor die Kinder lesen können. Später ') (fine Qkmcinbtottfammlung wird die Bibel in'» jüdisch-deutsche übersetzt. Erzielt wird, daß nach vollendetem Schulbesuche der Junge nicht» mehr gelenit hat. al» ein Kapitel der hl. Schrift und die gebräuchlichsten Gebete übersetzen. Bon Schulung und Uebung des Geiste» kaum eine Spur, denn die Lehrer sind keine Lehrer, entweder alte unwiffende Leute, oder junge unreife Subjekte — obschon gesetzlich an drr T.-T. nur solche ängrstellt werden dürfen, welche die (ehemaligen) Rabbinrrschulen in Wilna oder Sitomir absolvirt oder da» Lehrerinstitut in den genannte» Städten mit der Abgangsprüfung verlassen haben. Wenn e» so in den Schulen aussieht. welche unter Austicht der Gemeinden stehen, kann man sich vorstellen, wa» die von Niemand übcnvachten Ehedarim bieten. Urber den Unterricht will ich gar nicht» sagen. Aber die Lokale sind schon gräßlich genug: Biele sind in Hausfluren, wo kalte Lust durch Ritzen und zerbrochene Fenster hereinströmt, viele sind in Kirche», die voller Dunst und Rauch sind. Dabei läßt der Melammed seine Schüler oft allein, da er seinen häuslichen Beschäftigungen, die mit dem Unterricht in gar keiner Verbindung stehen, nachgeht. Die meisten Melammedlm sind zum Schulehalten nicht berechtigt, deshalb verstecken sie sich in Nebengassen, damit sie nicht ertappt werden. Die Funht vor drr Polizei steckt auch die Kinder an und rrsttckt in ihnen jede Achtung vor dem Lehrer. Die Aufficht über diese Unterrichtsanstalten obliegt den Kronrabbinen — und sie sind mit schweren Strafen bedroht. wenn sie diese Pflicht nicht gehörig erfüllen. Doch nur Wenige thun. waö ihre« Amte» ist. Au» zwei Orten erhalte ich genaue Berichte. Drr Rabbiner eine» dritten (Melitopol) erklärt, daß er die Zahl der Ehedarim im Bezirte nicht kenne und nicht da« Geld habe, um im Bezirke dehuf» drr Eikundigung darnach umherzureisen. Nach Angaben de» Schulinspektor» sind Städte und Dörfer so überfüllt von Melamdim. daß in einem Dorfe zehn wohnen. Sic vor Gericht zu bringen ist unmöglich, denn wenn der Inspektor ein Cheder betritt, lausen die Schüler sott und der Melammed versteckt sich. Die jüdischen Nachbarn aber verratben kein Wort. Oder der Melammed erfährt, daß der Inspektor komme» wird und dann verräth Nicht», daß hier ein Eheder wäre. E» sind strenge Gesetze gegen diese Winkelschulen nöthig. denn je üppiger sie gedeihen, desto niehr gehen die ordentlichen Schulen den Krebsgang — je mehr die Melamdim verdienen, desto karger wird den Lehrern das Brod gebrochen. Allerlei für de« Fa«ilie»tisch. A»ter de» Strahe»rei»igrr» ArrN»» befindet sich ein Studiosus der Chemie. Derselbe, ei» junger russischer Jude, hatte keine weiteren Mittel, um seine Studie» fortzusetzen und auf seine Bitte, ihn zu der nächtlichen Stratzenarbeit zuzulasien, hat ihn dir betreffende Skadideputation „auf Grund seiner vorzüglichen Zeugniste" in die Reihe der Straßeiirriniger eingestellt. Allnächtlich betheiligt sich nun derselbe a» dem Kehrgrschäste. — Gewiß ein schöne» Beispiel von Strebsamkeit und Selbstverleugnvng! — Wie die „Bolkszeitung" erfährt, hat der betreffend« Studiosus bereit» bei seinem Eintritt indie hiesige Universität im Jahre 1879 bei der Straßenrrinigungsdeputation sich gemeldet und wird seit jener Zeit daselbst beschäftigt. Der Direktor drr Straßenreiniaung, Herr Schlosky. schilderte denselben al» einen sehr fleißigen und verträglichen Mann. Inzwischen sind in Folge derZcitung». notiz bei der Straßenreinigung«direktion Offerten eingegangen, . welche dem junge» Mann andenveitige und bequemere Beschäftigung übergeben wollen, indessen hat derselbe die Offerten zurückgewirsen. (Da« ist die buchstäbliche Erfüllung eine» bekannten talmudischen Satze» 121 j5HP3 n'?,2J ÜHPD „verrichte lieber die niedrigste Arbeit, und verdiene Dir durch eigene Thätigkeil Dein Brod. al» daß Du auf der Menschen Gaben und Gunst angewiesen seist".)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.