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Jüdisches Familienblatt · 1884-01-01 · 49 (1884) · p. Seite 194

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1884
Issue
49 (1884)
Date
1884-01-01
Page
Seite 194 (sequence 2)
Language
German
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194 — den Knaben bis vor die heilige Lade, und angesichts dieser heiligen Stätte reißt sie ihn an ihr stürmisch pochendes Herz und preßt ihm den zweiten, langersehnten, tiefempfundenen Muttcrkuß auf die zitternden Lippen. IV. Die Jahre wechseln und mit ihnen die lbtrignisse. Tiefe Stille, trostlose Traurigkeit herrschen im Hause des Hrrni Falk. In der geräumigen Stube, die wir einstens mit f,eudigen Menschen gefüllt sahen, liegt Frau Falt schwer krank darnieder. Die bleiche Frau im Bette ist kaum noch der Schatten ihres einstigen Selbst. Stilles Leid hat tiefe Furchen in da» frühzeitig gealterte Antlitz gegraben. An ihrem Bette sitzt der greise Rabbiner der Gemeinde. Mir vorgebeugtem Kopse lauscht er den kaum vernehmbaren Worten der Leidenden. In einem dunkeln Winkel de« Zimmer» sitzt Tante Schöndrl und weint heiße, reumüthige Thränen. Herr Falk starrt, den Kopf an die Fensterscheibe gedrückt, mit trostlosem Blicke hinaus auf die Straße. Herrmann, der bald nach seiner „Barmizwah" da» Vaterhaus verließ, um in der benach» barten Universitätsstadt seine Studien sortzusetzen, wird nun > von ihm zurückerwartet. Immer schwächer und schwächer 1 wird dir Stmme der kranken Frau, bi« sie plützlich, tief ausieufzend, ermattet in die Kissen zurücksinkt. Der fromme Mann an ihrem Bette nimmt ihre seine, abgezehrte Hand in die seinige, und mit thränenumflortcn Augen ermuntert er sie, in ihrer Erzählung fortzufahren. Mit Anstrengung aller Kräfte hob sie also von Neuein an: „Ja. ehrwürdiger Herr, ein Gelübde, das Mcnschenkraft übersteigt, habe ich zu halten versucht. In jener entsetzlichen Stunde, als sie mir wieder ein Kind zu Grabe trugen, gelobte ich meinem Gotte ein Opfer, wie es nur eine hoffende Mutter bringen kann. In jener verzweifelten Stunde grübelte ich fortwährend, womit ich eigentlich Goitcs Geißel verdiente. Ich hatte mir nicht« vorzuwerftn. Nichts in meinem jungen Leben rechtfertigte solch harte Strafe. Und wie ich so mein vergangenes Leben überblickte undlior ineinem geistigen Auge auch die vier kleinen Kinderleichen vorüberzogen, da erklang c« plötzlich wie eine Offenbarung in meinem Innern, daß ich meine kaum grborenen Kinder zu abgöttisch herzte und küßte. Solche Liebkosung, die doch nur der natürliche Ausdruck eine» liebenden Mutter- Herzens ist, dünkte damals meinem überreizten Gehirn eine Todsünde. Und unter dem Eindrücke dieser Sttmmung gelobte ich da» schwerste Opfer, dessen eine Mutter fähig ist. Mit lauter Stiinme, verloren wie ich da saß. von meinem Gotte allein gehört, schwor ich. mein nächste« Kind, wenn ich mit einem solchen beglückt würde, nur dreimal während seine« ganzen Lebensganges zu küssen. Den einen Kuß soll er an seinem ersten Gebunstag, den anderen am Tage seiner „Barmizwah" und den letzten an seinem Hochzeitstage erbalten. Wie viel ich unter diesem Gelübde gelitten, weiß nur Gott und kann nur eine Mutter begreifen. Die Qualen, die ich empfunden, wenn ich mich oft scheinbar kalt und rauh gerade in dem Augenblicke von meinem Kinde abwenden mußte, wo ich eS am liebsten küssend an mein Herz gedrückt hätte, sind unbeschreibbar. ES war entschliche Pein, wenn ich dem unschuldigen Kinderlallen keine Zärtlichkeit entgegenbringen durfte, und für die süßen Schmeichelworte meine» einzigen Liebling» kalt und unempfindlich bleiben mußte. Ich kann'» nicht schildern die zuckenden Schmerzen und da» trosttose Elend, welches mir mcin Gelübde fortwährend erpreßte. Aber, edler Rabbi, ich habe es gchaltrn bis zu dieser Stunde. Ich habe mein letztes, mein einzige« Kind nur zweimal in meinem Leben geküßt. Run aber fühle ich meine Lebenskraft erlöschen; ich weiß, daß ich den Hochzeitstag meine« Herrmann nicht erleben werde. Und nun, ehrwürdiger Herr, ftage ich Sie als Sterbende: „Darf ich mein Gelübde brechen? Darf ich meinem Kind« den dritten und letzten Kuß anstatt an seinem Hochzeitstage in meiner Sterbestunde geben? „Darf ich? Darf ich?" schreit sie mit ihrer letzten Kraft und sinkt erschöpft zurück. Erschüttert von dem lauten Auffchrei eilt Herr Fa>k an'» Bett der Kranken, wohin auch Tante Schön» del lautschluchzcud gegangen. Da raffelt ei» Wagen heran terrmann, von der Universitätsstadt abberufen. stürmt die reppe hinauf. Atdemlos betritt er da» Zimmer, sieht auf die Gruppe und, da« Schreckliche ahnend, stürzt er an'« Bett. Weinend sinft der kaum dem Knabenalter entwachsene Jüngling vor seiner sterbenden Mutier nieder. Die Kranke öffnet die großen dunklen Augen und heftet sie mit dem Ausdrucke fast überirdischer Liebe auf ihre» Sohn. Dann raff« sie »och einmal ihre letzten Kräfte zusammrn, richtet sich halb empor und schlingt die Arme um ihr geliebte», einzige« Kind. So hält sie ihn fest. Ihr Antlitz i,t halb dem Rabbiner zuge- »vendet. Ihr fragender Blick lauscht mit fiebepscher Spannung auf die Antwort de« frommen GrriseS. Dieser ver steht ihre stumme Frage, und mit thränenumflorten Augen nickt er ihr bejahend zu. Ein verklärtes Lä>cheln umspielt die Züge der Sterbenden. Schnell beugt sie sich zu ihrem trauernden Kinde nieder, blickt tief und lange in sein treue« Auge, drückt ihre Lippen auf die seinigcn, und Mund an Mund gepreßt, haucht sie mit diesem dritten Kuß den letzte» Lebensodem aus. Jüdische Silhouette« au« Galicien. Von diathan «umuetv. XV. Der Antisemit. Unter der Herrschaft des frül)eren Be«irk»hauptmannes hatte r« dir jüdische Gemeinde in R. sehr bequem. Da prangte noch ganz ungestört vor jedem jüdischen Häuschen ein Dcnkhügrl in der Gestalt eine« verjährten Misthaufen«, der just nicht nach Rosen duftete — da schonte man noch daS Greifenalter aller kleinen baufälligen Häuschen der Stadt, mochten sic noch so sehr mit den Köpfen ivackeln, die noch so bedrohliche Miene mache», unter sich die Bewohner zu begraben — da schossen die „Klausen" wie die Giftpilze ülxr Nacht hervor — den Chafsidim war es nicht verwehrt aus offener Straße ihr Unwesen zu treiben — alle Wundermänner durften hier ihre Residenz aufschlagen und ganz nach Belieben die arme, unwissende Bevölkerung auSsaugcn — frei war eS den Cultusvorftehern ülvrlaffen, ihrer frommen Gemeinde da« Fell über die Ohren zu ziehe» und vor allem rührte sich keine Hand gegen die Ehedarim — kurz, die Juden besaßen hier Privilegien, »in welche sic alle ihre Feinde und Widersacher beneiden konnten. Aber alle Herrlichkeit hat auf Erden ein Ende. Rach diesem BczirkShauptmann wurde aus unbekannter Gegend ein anderer auf feinen Posten berufe» und dlefer war — wenigstens nach der Behauptung der hiesigen Gemcindemitglieder, — ein Despot, ein hartherziger Tyrann, mit einem Worte gesagt ein — „Antisemit". Auf seinen Befehl mußten alle jene Denkhügel im buchstäblichen Sinne verduften, da« Greifenalter aller baufälligen Häuschen wurde nicht geschont, die Ehassidim mußten wie die lichtscheue» Nachtvögel sich in ihre Löcher verkriechen — die Rabbi « mit sammt ihrem Anhänge mußten aus der Stadt fliehen, viele Klausen wurde» gesperrt und was das schrecklichste — über die Ehedarim fuhr eS wie ein verheerender Sturm einher. Wird sich da noch jemand wundern, daß alle Gemeinde Mitglieder sich wie ein Mann zusammenrafften, um dem verderben Einhalt zu thun, um ihr heiligstes, die „Ehedarim". zu retten? — Ist es denn je rrhön worden? Dieser Bezirkshauptmann verlangt, daß die Melamdim ihm Qualificationszeugniffe vorlegen! Was hat die jüdische Lehre mit diesem wildfremden Worte zu thun? Er verlangt, daß eS den „Ehedarim" nicht an Licht und Luft mangle — al» ob man ohne diese beiden nicht ein recht frommer Jude sein kan». — Haben nicht ihre Eltern. Ureltern und llrureltern in jenen dumpfen dunstigen Räumen gelernt und von dort au« Seheirathet und Kinder und Kindeskindcr in Fülle gehabt? freie, lichtige Stuben will dieser Händelsucher — wie bald wird er nicht gar Schulen verlangen, Stuben mit Fußböden

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