Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1884
- Issue
- 49 (1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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»s4S. Aüdisches 1884. ix„t, ri ^ur brci Lüste. Eine ErMIung von Rosa Sonnenschein. — Jüdisch« Silhouetten au« «alizirn. Der Aniisemil. — Jüdische .xltusul» Schulen im ÄouvernemrnI Taurien. — Allerlei für den Familieniisch: Unter den Strastenreinigern Berlin«. — Pari«. — V7 7 Turin. — Italien. — Biel. Alle«. — Elischa den Abuja. — Räthselausgaden. — Räihsellösungen. ««r drei Küfie. Eine ErMlung von Rosa Sonnenschein. (Schlust.) m. Zwölf Jahre kamen und gingen seit den eben erzählten Ereignissen. In dem Hause de- Herrn Falk hat sich nicht« so sehr verändert alder kleine Herrmann. Audem verhätschelten Kinde ist mittlerweile ein strammer, kräftiger Knabe geworden, für den der heutige Sadbathtag eine eigenthüm» liche Weihe und Bedeutung hat. Heute wird er „Barmizwah", und nach uralter, jüdischer Sitte erlangt er hiermit seine religiöse Großjährigkeit und übernimmt in der Gemeind« dir Pflichten und Rechte einevolljährigen Juden. Tanten und Freunde. Alle strömen sie schon Morgenfrüh noch dem Gotte-Hausr, und lauschen nun in stummer Andacht den heiligen Worten. Tante Schöndel. die oben in der Frauengallerie „fein ausgeputzt" sitzt, ist nicht wenig stolz auf diesen Ehrentag ihre» Liebling«. Sie weiß nicht, wasie mehr bewundern soll, den feinen schwarzen Anzug, der unseren Herrmann so männlich erscheinen läßt. oder die wohl» tönende Stimme, mit welcher er soeben ein Kapitel au« der heiligen Schrift vorliest. Aber trotz ihrer Bewunderung für Herrmann versäumt sie enicht, von Zeit zu Zeit auf seine Mutter zu blicken, um mit spötttschem Lächeln und stechenden Augen deren Gemüth-stimmung zu enträthseln. Diese scheint gedankenlos und ungeduldig der religiösen Scene de- Sohnezuzuhören, wa« wieder ein Beweimehr für Tante Schöndel ist, daß ihre Schwägerin kein „jüdisch Herz" hat. Tante Schöndel steht nämlich schon seit Jahren auf erbittertem Krieg-fuß mit ihrer Schwägerin, und die Ursache diese- Weiberkrirgewill ich nun in aller Kürze erzählen. Seit Herrmann'- erstem Geburtstage berührten die Lippen seiner Mutter ihn nie wieder. Tante Schöndel'« gutem, altmodischem Herzen bereitete diese Lieblosigkeit ihrer Schwägerin schwere Kränkung. Anfangstellte sie dieselbe oft ernstlich darüber zu Rede, bald aber gewöhnte sie sich, mit beißenden und lieblosen Worten dieselbe zurechtzuweisen, erhielt aber nie eine Erklärung oder auch nur eine Antwort. Diesekalte Schweige» reizte ihren Zorn nur um so mehr, und .Raben» mutter'', «steinern Herz" waren die gelindesten Ausdrücke, mit denen Tante Schöndel sprach. Die Klatschbasen und Kaffee» schwestrrn in der Gemeinde erzählten bald von nicht- Anderem al« von der wunderlichen Abneigung, die Frau Falk gegen ihr einzige« Kind hege. Niemand konnte begreifen, wie eine sonst so fromme und wohlthätige Frau gerade gegen ihren eigenen reizenden Knaben so hartherzig sei» kann. Aber all» mählig gewöhnten sich die Leute an da» sonderbar mütterliche Wesen der Frau Falk, nur Tante Schöndel konnte und ivolltt sich nicht über dir scheinbare Lieblosigkeit ihrer Schlvägeri» trösten. Da beschloß sie eine« Tage« da« Ei« diese« starren Mutterherzm« um jede» Prei« zu brechen, »nd al- Mittel zu diesem Zwecke benützte sie den kleinen Herrmann selbst. — Am Vorabende seine« sechsten Geburtstagenahm sie ihn auf ihr Zimmer und lehne da den Kleinen die süßesten Schmeichelworte und Liebkosungen, womit er der Mutter einen Kuß al- GebuN-tag-geschenk abgeivinnen sollte. Herrmann war ein gar gelehriger Schüler, und als er de- Morgenvon seiner Tante zur Mutter gefühN wurde, fiel er der letzteren, ehe sie sich'« versah, um den HalS und bat mit schmeichelnder Stimme um einen Kuß. Sanft löste die Mutter die Kinderhändche» von ihrem Halse und wehrte den Knaben von sich ab. Da schlang der Kleine abermals seine Arme um den Racken seiner Mutter und schaute sie mit seinen treuen, lichte» Kinderblickrn so flehend an. daß ein „Herz au« Stein" wie Tante Schündet nachher sagte, sich erbarmt haben würde, ihre Schwägerin aber nur noch kälter und abstoßender erscheinen ließ. Da spitzte Herrmann sein rosige« Mündchen und wollte der Mutter gewaltsam de» verweigerten Kuß rauben, und beinahe war e« ihm gelungen ihre Lippen zu berühren; da sprang Frau Falk wie von wildem Entsetzen gepackt empor, stieß den Knaben wie rasend von sich, rang die Hände verzweiflungsvoll und schrie laut jammernd, Tante Schöndel wolle ihr Kind umbriagc». Und so kam'«, daß seit jenem denkwürdigen Tage Tante Schöndel mit ihrer Schwägerin kein Wort mehr sprach. Herrniann wagte e« nie wieder, einen ähnlichen versuch zu machen, und mit kindlicher Sorglosigkeit vergaß er bald die Enttäuichung diese« Tage«. Er gewöhnte sich an die Art und Weise seiner Mutter, und nichthatte auf den trotzig wilden Knaben so viel Einfluß, al« ihre ruhig misten Ermahnungen . . . Und nun kehren wir zu Hcrrmann zurück, der mit der Vorlesung seiner Thoralection schon längst zu Ende ist. Auch der Gottesdienst ist beendet, und die dichten Schaaren drängen sich dem Ausgange zu. An der Hand deglücklichen Vater« verläßt auch Herrmann da« Gotteshaus, und draußen vor demselben wird er von verwandten und vielen Freunden auf- Herzlichste beglückwünscht. Und inmitten dieser allgemeinen Freude erfaßt e« ihn mit heißem Wunsche, die Mutter an'« Herz zu drücken und ihr den Kuß der kindlichen Liebe und Verehrung auf die unnahbaren Lippen zu preffen. Da sieht er sie in aufgeregter Hast audem Tempel kommen. Die Gratulation-wünsche der Frauen kauin bemerkend, eilt sie mit rai.hen elastischen Schritten auf ihn zu. Hastig nimmt sie ihn bet der Hand, winkt ihrem Manne zurückzubleiben, und kchtt mit rigcnthümlich bewegtem Antlitze zurück zum Tempel. Der Synagogendienrr wehrt ihr den Eingang zu dem nur Männern zugänglichru Raum. Mit majestätischer Handbewegung weist sie ihn hinweg, und verscheucht von dem übenvättigendeu Glanze ihre« Blicke« tritt der kleine Mann zurück. Mit raschen Schritten brtritt sie. Herrmann an der Hand, da« Innere de« Gottr»hause«. Hier ist'« jetzt grister» still und dunkel. Rur die ewige Lampe sendet ihr zitternde« Licht durch dir schivüle Atmosphäre. A» den von Alter geschwärzte» Wänden bricht sich duinpf der Schall der eiligen Doppeltritte. die von dem steinernen Boden widerhallrn. ivie Mutter und Soh» in aufgeregter Hast den mruscheulerrrn Raum dnrchschrriten. Stürmisch zieht sie den plötzlich zögern-