Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1884
- Issue
- 48 (1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- Seite 190 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Kraft ein«» Entschlüsse» oicbt ihrer Erscheinung Weihe und Majestät. Mit feierlicher Bewegung hebt sie ihre Rechte gen Himmel und spricht mit kräftiger Stimme: .Ich gelobe e» Dir. Lenker aller Wese», und mögest Du wich in meinem Liebsten strafen, so ich mein Gelübde breche." II. Zwei Jahre sind seitdem verflosien. * Im Hause der Familie Falk herrscht rege», muntere» Lebe». Da wird gebacken und geschmort; jeder Einzelne ist emsig und rührig. In der schönen luftig groben Stube liegt die unschuldige Ursache dieser Geschäftigkeit — der kleine einjährige Sohn de» Hause». Heute ist sein Geburtstag und Jeder will etwa» zur frühen Feier desselben beitragen. Da liegen wollene Strümpfe von Tante Schöudel, Jacke und Häubchen von Muhme Gütel, und die Geschenke de» Haler» sind unzählige unnütze Spielsachen für'» geliebte Geburt»tag»kind. Diese» liegt unbekümmert in der Wiege und saugt mit einem Appetit, um de» ihh mancher Gourmand beneiden könnte, an seiner rechten Fußzehe. Dicht vor der Wiege sitzt Frau Falk und blickt seltsam aufgeregt, bald auf ihr kleine» Kind und bald auf die große altniodische Wanduhr. Mittlerweile sind die anderen weiblichen Hände de« Hause» in der Küche rührig, um alle möglichen Leckerbissen in appetitliche Formen zu bringe», und selbst die alle, schwache Muhme Gütel hilft fleißig mit, während Tautc schündel mit altjüngferlicher Pedanterie den Mägden Befehle rnheilt. E» versteht sich von selbst, daß der weibliche Mund nicht rastet, wenn die Hände arbeiten, und der kleine Hcrrinann in der Wiege ist in diesem Augenblick Gegenstand der lebhaften Küchenconversation. Eine jede preist eine andere Tugend, wie gut er ist, und wie schön « lacht, und ivic klug er dreinschaut, und wie stolz seine Mutter auf ihn sein künnie. Und da zischeln sie und zucken die Achsel» und nicken grheimnißvoll. bi» Tante Schöndel die allgemeine Stimmung in Worte kleidet, und aufgeregt auürust: .Ich bin nur neugierig, ob sie ihn sput' auch lischt küsse» wird." Und da erzählt sie zum so und so vielten Male, wie sie seiner Zeit ihrer Schwägerin da» neugeborene Kind hingereicht, wie rührend diese e» angeblickt und an ihr Herz gedrückt habe, wie sie sich dann aber mit thränenfcuchten Augen abgewandt, den Knaben Tante Schöndel zurückgab, ohne ihn zu küssen. Muhme Gütel schüttelte ihr eisgraue» Haupt und meinte, .sie könne e» nicht begreifen, wie eine jüdische Mutter r» nur au«hal«en kann, ihr eigen Kind nicht zu küssen." Tante Schöndel sagte seufzend, „daß ihr da» Herz oft im Leibe springen will," wenn sie sieht, wie da« Kind sich manchmal kosend an di« Mutter schmiegt, wie Frau Mmam den Kleinen mit unendlicher Liebe ansieht, sich zärtlich zu ihm niederbeugt, und plötzlich, al» stäche sie eine Natter, emporschreckt, da« Kind von sich stößt und eilend» da» Zimmer verläßt. Der Zeiger der alten Uhr deutete auf fünf Minuten vor elf. Da kam Herr Falk mit Tanten und Mägden in'« Zimmer, und sprach mit dem freudigen Stolze eine« glücklichen Bater», daß der kleine Stammhalter in fünf Minuten sein erste» Lebensjahr zurückgelegt haben wird, und daß er nur deßhalb nach Hause gekommen sei, um ihm zur rechten Zeit zu gratuliren. .Darauf warte auch ich," sagte seine Frau hochausathmend. Rüth« und Bläffe wechselten auf ihren Wangen. Mit fieberhafter Angst horchte sie ans da» Ticken der Uhr. und folgte mit athemlosrr Spannung der langsamen Bewegung de» Minutenzeiger». Immer ungeduldiger und auffallender wurde ihre Aufregung. Mit einer ungewohnten Eifersucht hielt sie Alle von der Wiege ferne, und wie» Jeden, der sich dein Kinde näher» wollte, mit stiller Strenge von dannen. Dabei blickten ihre Augen so ängstlich flehend aus ihre Umgebung, bi« sie Alle lautlo» vor ihr standen. Rur da« Tickm der Uhr und da« Lallen de» Kleinen unterbrach da« nahezu geisterhafte Schweigen. Und inmitten dieser Grabesruhe ertönte nun der erste. Schlag der elften Stunde, und wir eine Löwin auf ibr bedrängte» Junge» so stürzte sich die Mutter auf ihren kleinen Sohn. hob ihn mit einem Jpbelschrei zu sich empor, und buiftlj ihre heiße« Lippen zum erstenmal« auf den ron^M- Mund ihre« Kinde» und saugte. sich in einem nimmer wollenden Kuß fest an ihm. Dann aber .fiel sie kraftlos »M, die Arme ihre» erstaunten Gatten, und e» schien al» btoK sie ihre Seele mst diesem erste» glühend heißen MuttelftiM au»gehaucht. _ (Schlitz fdgti'K Wi«kelfch»le«r. K Willst Du. lieber Leser, eine Winkelschule kennen lern^» so darfit Du die Mühe nicht scheuen, mit mir nach Ungarn wallfahren. Man braucht sich daselbst übrigen« nicht allzu!, M, zu bemühen, da diese .Anstalten* bei un» ziemlich dich« gt<l« säet sind. E» bedarf auch keine» Führer- — folge null deinem Gehör, e» wird dich schon an den gesuchten Lnl leiten. Schon auziemlicher Entfernung hörst du ein sck-W same» Stimmengewirre. Schreiende Kinderstimmen, untn-l brachen von im tiefiten Baß hervörgrstoßenen Schelt» uitl Drohworten, vermischt mit dem Geräusche, hervorgrrufen durihl .Stabübungen" auf dem Rücken und andern KörperthcilkiW der Jugend, schlagen an dein Ohr und zeigen Dir an, daß toi da« Gesuchte gefunden hast. Du trittst ein und erblickst I nachdem drin Auge die Rauchwolke — der Herr Lehrrrl schmaucht gemächlich sein Psris.hen — durchdrungen^ obnH an einem langen, den Urberfluß oui vier Füße» dem»»-! strierenden Tisch den Herrn Lehrer, rund um denselben toi lern beflissene Schaar. Der Herr Lehrer ist eben deichämgtl mit dem Pfeifenrohre, dessen Länge e» zu diesem Zn'tckl wohl geeignet macht, den Rücken eine» Jungen zu bearbene». ■ weil der .schlechte* Kopf nicht» capieren will . . . Deii l Erscheinen unterbricht diese erhebende Thätigkeit. Der Lehrer I empfängt dich, doch da» Ende seiner Begrüßung wirst d» I erst später anhüre» könne», denn ihn ruft die Pflicht. De» I Eintritt hat nämlich einen hoffnungsvollen Jungen Gelegenheit I gegeben, fei» Mnthchen an einem Kameraden, auf de» al schon lange .ein Auge gehabt", zu kühle». Während unserI Pädagoge die außer Rand und Band grratlrene Discipli» I herstellt, hat ein andere» Paar sich von dem Festsitze» srina I Haare zu überzeuge» versucht und wälzt sich nun tampscui-1 bräunt unter dem Tische, der sich die Stöße nicht gefallen I lassen will umher und endlich, da e» ih,n gar zu arg wird, die I muthigen Kämpfer deinen Augen entzieht, deren Leiber mit I seiner Platte bedeckend. Die Intervention de» Tische« kühlt I die Kampfbegier ab. Der Knäuel entwickelt sich und d» win'l I dich beeilen, deine Wißbegierde durch Fragen zu stillen, denn I die ringrtretene Stille läßt ein abermalige» im Anzüge be> I findliche» Gewitter ahnen. »Wie viele Stunden unlerrichtcii I Sie täglich?" — .Je nachdem. im Sommer 12—14, in I im Winter nicht weniger, da seit Erfindung der Unschlitt- I kerzen auch die Nacht zum Tage gemacht werden kann." I .Wie viele Klaffen unterrichten Sie?" Wenn mit Zuhilft- I »ahme der Finger die Antwort erfolgt, so erfährst d> I staunend, daß obwohl die Schülerzahl kaum anderthalb Dutzend I beträgt, ihr die Klaffenzahl nicht nachsteht. „Was unterrichten I Sie?" „Deutsch. Ungarisch, Hebräisch, Geographie, Natur- > geschichte, Naturlehre, Rechnen und soll dir besonder« imponirt I werden, schließt die lange Litanei der Unterricht-gegenstände I auch mit dem letzten Trumpfe „Französisch". Du erkundigst I dich nun nach dem Borne, au« welchem der Herr Lehrer seine I Weisheit geschöpft, und erhältst die selbstbewußte Antwort: I „Ich bin Autodidakt". Beruhigst du dich bei dieser Antwort I nicht ganz, so erfährst du schliegltch, daß dein Mann Talmudjünger oder gar absolvierter Gymnasiast ist, der den Verfolgungen der Herren Professoren nicht zu widerstehen vermochte und al» der Gescheitere nachgad', nachdem er in der 3. und 4. Klaffe durchgefalle» war, nämlich der Schule den Rücken kehrte und selbst Mcnschenbildner ward. — Auch anachende Mediciner und Juristen pflegen sich zuweilen der Bearbeitung de» Erziehung»selde» zuzuwenden, doch nur. u« sich dadurch die Möglichkeit zum Weiterstudieren zu ver-