Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1884
- Issue
- 48 (1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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«48. Jüdisches 1884. IZnhalt: Z>r Jlitrr jjiltiig»Kelthnmg fir )ir isrttlttische Zigrud. -^4- Rur drei Lüsse. Line Lrzühliing von Rosa Sonnenschein. — Winkelschulen. — lieber jüdisch« Jugend Lineramr. — Allerlei sür den Familieniisch: Bon der Prinzeß Wilhelm. — Lin sonderbarer Heiliger. — Gute Ausrede. — ltleine jüdische Lharaklerzilge — Herz zu Herzen. — Die Willwe und chrr Tochter. — Au» dem Spruchschah de« Talmud. — Räthsclausgaben. — Räthsellösungen' 9)nr drei Küste. Line Lrzühlung von Rosa S o nnenschetn-s Wieder kamen sie mit einem kleinen «arge au» dem Ifaufc de» Herrn Jacob Falk und trugen da» kaum acht klage alte Knäblcin hiuau» »ach dem Gottesacker, um e» Ikirt neben den anderen drei GrabeShügeln zu belle». Au» Itorjcii kleinen Gräbern bestand die gesammtc Kinderfamilie Ik» nun tirsbetrüdtrn Eltrrnpaare«. Bor fünf Jahren standen Ifk beide, der kräftig schöne junge Mann und die lieblich lenzende Miriam Lrbrecht, vor dem Altäre, um sich vor Gott lub Menschen in Liebe und Treue zu vereinigen. Da» Itzluck leuchtete au» ihren Augen. Allein »vedrr die Wünsche I ihrer zahlreichen Freunde noch die eigene sichere Hoffnung uif eine freudige Zukunft vermochte» den TodeSengel von ihrer Schwelle fern zu halte», der bereit» drei Mal gekommen «r. um die kaum geborenen Kinder vom liebenden Elternherzen zu reiße». Und während der Vater tiefgebeugt der Innen Leiche folgte, saß daheim die kaum genesene Mutter bleich und stumm in dumpfem Schmerze. Mit theilnalnn»- U» starrem Blicke hörte sie auf die TrosteSwone, die ihr so reichlich von alten und jungen Frauen gespendet wurden. Hur da» krampfhaft schmerzliche Zucken um die Mundivinkeln «erricth ihre innere Bewegung Wa» nützten auch der armen, schwergeprüften Frau all' die gutgemeinten TrostrSworte? dreimal früher schon hatte sie diese ermunternden Reden gehört, dreimal schon war sie der Gegenstand innigen und allgemeinen Mitlride» gewesen, dreimal schon halte sie sich hm bittersten Srelenschmerzen entrisirn, hatte sich aufgrrofft ind iveggewandt von den Grabesgedanken. um sich mit neuer Hoffnung dem Leben wieder zu widmen. Heute aber schien fie vollständig gebrochen unter der Wucht ihrer Leiden. Kalt mb unbeweglich saß sie da. und schien e» nicht zu merken, lue eine Freundin nach der andern ging und sie zuletzt allein blieb mit sich und ihrem Elend. Die Stille schien sie zu beruhigen. Langsam löstm sich die in Schmerz verschlungenen Hände, die festgeschlosseneil Lippen öffneten sich mb ein schwerer Seufzer hob die Brust. Die dunklen brennenden Augen verloren den heißen Firberglanz und blickten die suchend um sich. Die hohe Gestalt, die noch vor Kurzem starr und unbeweglich dasaß, erhob sich plötzlich und stürzte nsch auf dir leere Wiege zu. Lautweinend schlug sie die ßmingenen Hände vor da» Gesicht und grub den Kopf tief a> da» weich« Kinderkisien. Zum erstenmale nach jener unirligrn Stunde, ol» da» kleine Wesen so ruhig in die Ewighinüberschlief, ward ihr Auge feucht, und endlich löste ffch der eisig starre Schmerz in heißen Tbränrn auf. Nun "st schien sie sich ihre« ganzen Verluste« bewußt, und ihre Tedonken «änderten anstatt in'« Leere, hinau» zu den kleinen tiadergräbern. »Schon da» vierte gab ich Dir. o Gott." klagte sie Mt tonlo». „wie lange noch willst Du zürnen?! Habe ich Afchlt, gesündigt, so laß mich, mied allein büßen, warum deinen Rann, den Vielsten und Besten, mit mir strafen? An» der tiefftrn Tiefe eine» in Jammer sich auflösenden Mutterherzen« flehe ich Dich an. mir kund zu thun, womit ich mein Unglück verschuldet habe! Bin ich meinem Manne nicht ein treue« Weib, meinen Kindern, o Gott, so kurze Zeit Du sie mir auch ließest, nicht eine liebende Mutter gewesen?" Mit diesen Worten richtete sich da» junge Weib in ihrer ganzen Schönheit stolz empor, al» wollte e» anklagend den Himmel erstürmen. Wild flatterte da» dunkle Haar um Racken und Schulter, und die bebenden Lippen vermochten r» fortan nicht mehr, demuthsvolle Worte zu mnrmeln. »Ich soll vergessen, sagen sie mir, vergessen. Giebt's denn ein Bergeffen? Tausend kleine Zufälle mögen die Gegenwart von der Vergangenheit trennen. Zwischen unserem gegenwärtigen Bewußtsein und der eingegrabenen Schrift in unserem Hirne mag der Schleier der Vergessenheit wohl gedeckt sein, allein ein einzige» Won. ein einziger Zufall genügt, um da« Schleiergewebe zu zerreißen, und Alle» wa« wir erlebt, steht vor un« so klar al» je zuvor. Verschleiert oder nicht verschleiert, die Eindrücke bleiben ewig; ich kann mein Unglück nicht vergessen." Und so jammerte und klagte Frau Falk, bi» sie wieder stier vor sich hinträumtc. Vor ihrem geistigen Auge zogen lebhaft die Bilder der Vergangenheit vorüber. Sie sah sich wieder al« glückliche« Kind und später al» die verhätschelte Schönheit de» kleinen Städtchen«, uni die manch braver Bursche seufzte, al» sie, den Myrthenkran; im Haare, im weiße», kostbaren Gewände dastand, um sich dem Manne ihre» Herzen» zu vermählen. Dann kam der Erstgeborene, dem 'sie den ersten Mutterkuß auf seine bleichen kalten Lippen drückte. Wie sic dann zum zweitenmale Mutter wurde, und den kleinen Engel vierzehn Tage lang herzte und küßte, bis er wieder in'« Reich der Engel zuriickging. Dann kam ein Töchterchen. da» sic mit der ganzen dreifach zurückgehaltenen Mutterliebe fast mit Küssen nährte, und es doch nicht am Leben erhalten konnte. Wie dann das heute zu Grabe getragene Söhnchcn geboren wurde, und wie sehr sie es liebte während der kurzen Zeit seine» Daseins. Wie unzählige Male herzte und küßte sie es. Ja selbst als eS schon eisig kalt vor ihr lag, küßte sie eS »och mit einer Inbrunst, als wollte sie mit ihren heißen Küssen warmes Leben in die kleinen kalten Glieder hauchen. Wie sie e» dann fortirugen, ehe sie ihm noch einen den letzten Kuß geben konnte. „Wenn ich r« nur noch einmal küsien könnte", hauchte sie kaum hörbar. Und al» hätte ihre eigene Stimme sie erschreckt, so zuckte sie plötzlich zusammen. Die bleichen Wangen übergoß Purpurrüthe, um sofort aschfahl zu werden, die Lippen bebten, die Züge wurden hart, die Augen blickten starr und kalt, und fest und entschlossen, al» zuckte ein blitzähnlicher Gedanke durch ihr schmerzersüllte» Hirn, ruft sie schnell mit heiserer Stimme: „Ja, ich will e« thun!" Dann blickt sie um sich, verriegelt die Thüre. nimmt da» in Sammet gebundene Gebetbuch au« dem Schranke, und stehend, nach Osten gewandt, betet sie in hebräischer Sprache. Die ganze Haltung de« frommen Weibe« bekundet überirdische Andacht, di