Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1884
- Issue
- 47 (1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- Seite 186 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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188 der Rabbiner und di« groß« Menge schön langer al« zchn Minuten ihrer harnen. „tt« scheint, .die Juden haben ihn nicht geschlachtet!" philosophine der Dickschädel. „Hm, e* scheintgab auch rin Anderer zu. .Aber etwa« Bluthrothe« habt Ihr doch mit eigen eu Augen gesehen!" knirschte der Metzger. Unterdessen stand der heilige Rebbe und gab verschiedene mhstische Zeichen von sich; er schob sein „Streimil" in den Hinterkopf, so daß seine große furchen reiche» Stirn im ganzen Umfange hervortrat — seine Augen, die in Verklarung leuchteten, lugten weit au« und verrirthen große Erwartung, und seine Lippen murmelten von Zeit zu Zeit unverständlich, etwa« wie grollende Worte vor sich hin . . . Diese mystischen Zeichen deutete die Menge, jeder nach seiner Art verschieden. Endlich zeigte sich von der Ferne der Gabbe und der kleine Hawrelku, die in Sturmschritt herannahten und von weichen der letztere den blutrothe» Gegenstand versteckt iu der Hand trug . . . ,,Wa» trägt er?" fragte die Nachbarin, welche athemlo« hinter der frommen Genendcl einl,erleuchte. ,^klotz mit Augen!" schalt diese. „Sie sieht und sicht und weiß nicht wa«!" „Ru. so sagt Ihr wa»!' „DaS rothe Mützel de« heiligen Rebbe trLgt er. Da« zieht der Rebbe immer an, so oft er ein große« Unglück, da» heranbrechrn soll, verhüten will. Du bist ein jüdisch Sind und weiß nicht davon. Schand' und Spott!" .Zch habe davon nie etwa« gehört," rechtfertigte sich die Nachbarin. „Nicht umsonst heißt e« im heiligen Deutschchumesch*): „Sie haben Augen und hören nicht. Ohren und sehen nicht!" predigte die fromnie Genendel. „Bor acht Jahren — da» ift^ja aller Welt noch in Erinnerung — al« die große Krankheit ausgebrochen, zog damals ebenfalls der heilige Rebbe sein rothe« Mützel an und im Nu war die Krankheit verschwunden . . ." „Nu," begütigte die Nachbarin „w illen wir nur schnell dahinrilen, um zu sehen, wie der Eilige Rebbe da« rothe Mützel anzichen wird! . ." „Was trägt er? Was trägt er? Sagt, wa« er trägt?" brauste eS von allen Seiten, und die vielköpfige Menschenmenge wogte durch einander, denn jeder einzelne suchte vorzudringen und in der Nähe de« Rabbi sich ein Plätzchen zu erobern . . . Inzwischen langten die Eilboten beim Rebbe an und der kleine Hawrelku überreichte dem Rebbe das Gebrachte. Die Spannung über dar wa« komme» soll stieg aus da» Aeußerste, und Alles schärfte Aug' und Ohr um zu sehen und zu hören . . . Da nahm der Rebbe de» feuerrothen Gegenstand und breitete ihn langsam au» und jetzt sahen sie e« Alle — und die eS nicht sehm konnten, hörten eS. denn e« klang weithin wie eine Allarmtrompete, und viele sahen und hörten e» zugleich. — ES sahen und hörten eS alle diejenigeu, die vor erst einigen Augenblicken au» alle» Schornstein der Stadt rauchige Flammen emporschlagen sahen — es sahen und hörten eS di« kluge Grnendel und ihre dumme Nachbarin, die den Rebbe in der Gnadenkappe zu sehen hofften — t» sahen und hörten eS endlich der Metzger und seine Genoffen, die wiffen wollten, daß die verdammten Juden den kleinen Hawrelku abgeschlachtet haben. Kurz, Alle die Augen zum sehen und Ohren zum hören hatten, sahen und hörten eS. wie der Rebbe den blutrothen Gegenstand weit ausbreitete und sich mit demselben — die Rase schnäuzte. Het«rich Redlich, |fcr«f«ffnr W» |Uqrf»yfH4fcxsJI — (tfc. 1840 in La«, gef» 1884 I, Berlin 4» 7. »««raber. - Ungekonnt in der Großstadt, in fremde Erde gebettet s» endete rin Künstlerleben in der Blüthe der Jahre x« de« Schaffen«. E« war ein trüb«! Herdstmorgen. al« auf dem i«ri» litischen Kirchhof zu Weißensee. vorgestern, den 10. November da« Leichcnb^aängniß stattfand. Rur die nächsten verwandte, und wenige Freunde waren versammelt, um ohne Sana u« Klang nachrühmender Reden den einfachen Sarg zu Grate zu geleiten, der die Hülle eine« in der «ünstlerwelt und i, seine« Vaterland« hochgeachteten berühinten Manne» umschloß Eine junge Äiltwe und fünf Kinder, zioei Mädchm und drei Knaben umstanden die schmucklose, wenig bekränzte Bahre, auf der die Ueberrestc vessen ruhten, der ihr Liebste« auf Erde» gewesen. War dieser Anblick schon an und für sich tief ergreifen» genug, so wurde er durch ein entsetzliche« Drama »och tra« gischer. Nämlich al« der kleine Zug Leidtragender an der Gruft aiigelangt war, lag dicht neben derselben, augelehch au ein noch frische« bekränzte» Grab, die Leiche eine» junge, Manne« (M. H.) der sich während der soeben stattgrfundene, Trauerfeierlichkeiten. wie e» sich herausstellte — auf de. Grabe seiner Mutter erschossen halte. Hier fand eia MannrSlcben freiwillig seinen Abschluß — wer ahnt nach welchen Eonfiikte« der Seele. Da« Blut de» Selbstmörder« hatte das Grab der Mutter befleckt, die ihm einst das Dasein gegeben, und dicht daneben ivurde, die Wehklage» der Wittwe laut, deren Mann der Stolz und die Sonne ihre« Leben», allzu früh von ihrem Herzen geriffen, in'« Grab gesenkt wurde. Die zarten Kinder blickte» verwirrt und traurig um sich, ohne Bewußtsein dcffen, um4 sie verlieren. Wunderbar und von allgemeinem Jntereffe ist die Laosbahn de» dahingeschiedeucu Künstlers. Im Jahre 1840 in La«! bei Warschau geboren, verlebte er die ersten Jahre in seinem Elternhause. Ei» gransame« Gebot der russischen Regierung reißt die Knabe» jüdischer, unvermögender Elter, in diese« Alter vom heimathlichen Boden. Ohne Rücksicht auf den Schmerz de4 Vater« und der Mutter werden sie in eine ferne Militärschule gesteckt, wo sie «eist griechisch getauft und später z» Soldaten verwendet, nie mehr da« Elternhaus Wiedersehen. Die« veranlaßt viele polnische Juden ihre Kinder i« zarten Alter über die Grenze nach Deutschland zu schicke», um dort der Barmherzigkeit der GlaubeuSbrüder empföhle» zu werden. Ein solche« Schicksal hatte auch Heinrich Redlich, lö war im Winter 1848 al» die Familie eine« angesehene, Fabrikanten in 8rr«lau. Alb. Bauer, zu« Feierabend im Wohnzimmer versammelt saß. Da trat ein Herr herein, a, der Haud einen blaffen Knaben, init blonden, kurz geschnittene, Haaren. Seine Kleider wareu zerfetzt uud dürftig, die kleine, Füße mit Staub bedeckt. „Hier bringe ich einen armen Flüchtlirm, den ich halb erfroren, ermattet vor Hunger nach langer Wanderschaft a,s der Schwelle eine« Hause« fand. Ich weiß, daß Sie. beste Frau Bauers, die Beschützerin verlassener Kinder sind, nrhuien Sie sich de« armen Fremdlings an!" Diese Worte fielen auf keinen fruchtlosen Boden. — Die Hausfrau, — auch sie bedeckt seit 10 Jahren der Grabhügel — nah« de. Kleinen au der Hand, versprach für ihn zu sorgen und sprach chm liebreich Muth rin. Die Töchter de« Hauses holte, Erfrischunge» herbei. Bald hatte sich der Knabe erholt und •) Wir begehen wohl keine JndiUreti«», »et,» »ir de, Vfjft* nnserr« Blatte« »e tatheu, b*k ftrau Kaum, Bauer — ,o« »u« unirrrr Studienzeit iu Breslau als eine der edelste, uud wohithlligsteu jiduche» Krauen bekauut — die Mutier der Berfasseriu des «dizeu Nelrelozs, der Krau Lina Morgeufteru. ist. (Red.) •) Di« biblische Beschichte im Jargon.