Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1884
- Issue
- 47 (1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- Seite 187 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 187 — ^stärkt; (t schaute mit frinm lichtvollen blauen Augen chkilnchmend, mit dem Ausdruck lebhafter Freud« auf seine Oasigeber. Bald hatte er alle Schüchternheit überwunden. Mil auffallendem Interesse betrachtete er alle Gegenstände, «dem er von dem einen und dem anderen erfreut behaupttte: ,Dahaben wir auch daheim I" Ja daheim! Nachdem dir Regierung-beamten angetünbiat, daß der Kleine abgcholt «erden würde, hatte ihn pik Mutter wehklagend an ihr Herz gedrückt und ihm gesagt: ,Iu muht weit fort von hier nach Deutschland, sonst tädten sie Dich! E» wird schwer sein über dir Grenze zu kommen, hier hast Du Geld und einen Sack. Wenn Dich oie Grenz» jlger fragen, wohin Du gehst, sage: ich hole Salz. Hast Du aber die Grenzjäger hinter Dir, so laufe immer vorwärt», nihe de» Rächt» in den Häuser», wo Du Barmherzigkeit smdrst und Gott wird Dich unter unsern deutschen Glanben»- dnidcrn nicht verlassen!" Sie führte den Knaben, den sie so gut al» sie r» veraschte. versorgte, bi» in die Nähe der Grenze. Al» er diese überschritten und am Salzhause vorbeigekommen war. lief er vonvärt», immer vorwärts; hinter ihm knallten Schüsse, beim die Beamten hatten seine Flucht wohl bemerkt. So war ungefähr die Erzählung de» Knaben in polnischer spräche, welches dir Hausherrin, selbst Polen ihren lauschenden Angehörigen mittlzeiltr. Frau Bauer fühtte am andern Tage dm kleinen Fremdling zu ihrer liebsten Freundin, der nun auch längst verstorbene» Frau Prediger Geiger und beide edle Frauen bericthen, was für de» kleinen Heinrich zu thun ja Sic vereinigten sich, ihn in gute Pflege und in eine Bürgerschule zu geben, für ih» zu sorge». ihn vorläufig zu erziehen. Sechs Jahre blieb er in treuer Obhut seiner Beschützerinnen. I» unglaublich schneller Zeit hatte Heinrich die deutsche Sprache erlernt, war einer der fleißigsten Schüler und überraschte durch sein hervorragende» Talent im Zeichnen und Malm. — Al» er 14 Jahr alt war, erfordertenKdie Lande-gesetze. daß seine Wohlthätrrin ihn adoptirte oder daß er da» Land vertäfle. Da« Elftere konnte nicht geschehen, da die beiden edlen Frauen selbst mit Kindern reich gesegnet «arm. So schickte Frau Bauer den Knabm nach Kalisch, gab ihm Empfehlungen an einen dortigen Arzt und versprach auch in der Ferne für ihn zu sorgen. vr. Goldberg in Kalisch nahm sich Heinrich« wie eia Vater an und ließ ihn mit seinen Kindern unterrichten. Eine« Tage« geschah e«. dag der Gouverneur, Fürst Galizin, dm Arzt besuchte. Heinrich sah ihn und entwarf sein Portiait. Jubelnd brachten e« seine Kameraden 'ihrem Vater und dieser zeigte die Skizze dem Gouverneur. Fürst Galizin, ein humaner, wohlwollmder Mann, schickte den talmtvollen Knaben nach Warschau in rin lithographische« Atelier. Hier arbeitete er zwei Jahre, kam dann auf Kosten der Regierung in die Kunstschule und widmete sich gegm fünf Jahre dem Portrait- und Gmrrsach. Im Jahre 1861 erhielt er einen große» Preis für Kupferstiche. I» Folge dessen ging er nach Dresden und München, wo Tl)ätrr sein Lehrer war. Bon 1866 di» 1873 lebte er in Wim. wo er für verschiedene Atelier« Kupferstiche anfertigte und sich im Zeichnen und Malen immer »chr vekvollkommetr. 1873 kam er nach Warschau, wo er für dm Kunstverein und für Graf Potocki ganz meisterhafte Stiche nach Bilden« Milejko'ö au» der polnischen Geschichte und andrre Kunstblötler anfertigte »ud außerdem mancherlei selbsi componirle >nd jkizzirtr. Diese» Jahr 1873 «oar aber auch noch insorrn über sein Schicksal mtscheidmd, al« er ein geliebte« Leib fand, die Tochter de« Direktor« Tugendhold. Heinrich stite ein sehr dankbare» Gemüth. Er hatte seine frühere ^ohltlsilterin von allen seinm Fonschrittm unterrichtet und chr nun auch seine junge Gattin zugesührt. Al« Frau Bauer m> Jahre 1874 starb »nd Heinrich Vater eine« kleium ^Schleichen« wurde, nannte er diese» nach seiner erstm Bechützerin Fanny. Ai» Familimvater arbeitete er mit eisernem Fleiß a» seinm Kunstrorrkm. Die berühmtestm derselben sind: Die Madonna au» dem Hause Tempi nach Rafael. — Einquartie» rung polnischer Truppen in Rorthnsm 1668 nach Brandt. — Peter Scarga predigt vor dem polnischer Kinige Sigismund IH. nach Matejko. (Für diese» Bild erhielt er i« Pariser Salon die große goldene Medaille.) — Union von Lublin nach Matejko. (Diese» Bild trug ihm folgende An»zeichnnng ein: eine große goldme Medaille, eine kostbare Sevreoase. da« Ritterkreuz de« Orden« der Ehrenlegion ein). — Kopernikn» lel-rt Astronomie in Rom 1878 nach Äerson. Außerdem malte er noch verschiedene Portrait» »nd Alpenlandschasten in Ocl. Der russische Kaiser ehrte de« Künstler der al» bedeutendster Kupferstecher Polen» anerkannt «vurde, indem er ihn zum Mitglied der schtnen Künste und zum kaiserlichm Professor ernannte. Auf der Pariser Weltausstellung erhielt er die große goldene Medaille. In Folge zahlreicher Aufträge siedelte er nach 1881 »ach Pari» über, wohin er «in Jahr später seine Famille an» Warschau Nachkommen ließ. Aber ach, diese Uebersiedlung. so wie die aufreibende Anstrengung, die er machte, den au ihn gestelltm Anforderungen gerecht zu iverden, zog ihm ei» schweres Leiden zu, das ihn an ernster Arbeit immer mehr hinderte. Die Nerven «varm so aufgeregt, daß beschloflen war, Fra» und Kinder »ach Berlin reisen zu lassen. Hier sollten die letzteren auch später die deutschen Schulen besuchen. Nur de» ältesten Knaben behielt Heinrich bei sich. Er wollte erst seine» begonnenen Stich. — der Hofnarr Stanczhk nach Matejko, — vollenden, ehe er seiner Familie nachkam. Doch ach, kaum «var diese ztvei Monate von dem Gatten getrennt, so riefen sie deffen verworrene Briefe zurück. Aber ach. lvie jammervoll war die» Wiedersehen! Sie fand den armen Heinrich elend und krank. Ein (Hehirn- und Rückenmarkleiden hatte die Kraft de« kaum vier- und vierzigjährigen Manne« gebrochen. Der Aufenthalt in einer Wafferheila »statt zu Graz, «vohi» Frau R. ihren Mann brachte, trug nur dazu bei, da« Uebrl schneller zu entwickeln. Unrettbar verloren, holte sie ihn drei Wochen später von dort nach Berlin, wo alle Hilfe vergeblich «var und er nach qualvollem Siechthum am 7. November starb. Seine vortrefflichen Werke sichern ihm die Unsterblichstit. Seine letzte unvollendete Arbeit wirb rin Berliner Künstler zu Ende führen. Berlin, 12. Rovember 1884. Lina Morgenstern. Allerlei für de« Fa«ilie«tifch. Htamnßnle. Au» der Predigt, welche Herr vr. Loewe. der treue, gelehrte Reisebegleiter, ja geiviflermaßcn die rechte Hand Monlrfiore'S. am Jubiläumstage im Beth Hanädrasch gehalten, sei Einiges mitgetheilt. Er berührte wichtige Vorkommnisse au» dem Lebe» de« großen Menschenfreunde«, und dir vielen Gefahren, denen er «uuthig in'« Auge gesehen hat. So. daß Irgendwo ein vornehiner Herr (eS war iu Bukarest 1867) ihn gewarnt habe, da da« Volk durch Geldspenden aufgestachelt «verde, sein Hotel zu stürmen, «du daun wirklich ein Haufen begann, Steine gegen die Fenster zu werfen und Montefiore auf dn« Balcon hinaustrat, von de« er laut hinabrirf: .Ich bin zu Euch im Namen de» Rechte« nnd der Gerechtigkeit gekommen. Wenn Ihr deSlvegeu mich hasset, hier bin ich, «verft zu und thut. «vaü Euch beliebt". Darauf verkroch und zerstreute sich die Menge. Al« dann die Jude« ihn baten, sich zurückzuziehen und abzureisen, durchfuhr er »och an demselben Tage die Straßen der Stadt «u eine« offene» Wagen. vr. L. envähnl auch, daß eine Versammlung von Israeliten verschiedener Länder im Hause de» Jubilar« stattfinden «verde (jetzt wohl schon stattgefuudeu hat), welche Ordnung in oa» Werk der palästinensischen Eolouisaüon dringen, wolle. (Die« thut dringeud uoth. Red.)