Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1884
- Issue
- 46 (1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- Seite 182 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 182 — ,Wa« sagt der Rebbe?» drängte ein Dutzend Neugieriger . . . .Genau habe ich'« nicht gehört» rapportirte Liner in der Rahe de« Rebbrn .doch glaubte ich deutlich den Ruf: .Li weil» vernommen zü haben.» .Li weil»'ging e« wie ein Lauffeuer von Mund zu Mund .der Rebb« hat ,ei wei» geschrieen.» .Den Rrbbe hat sein alte« Leiden gepackt» gab Einer Bescheid. . .Ja, sein alte« Leiden.» stimmte ein Zweiter zu. .Bor einem solchen Anfall schreit er immer: ei wei!» .Schnell um einen Doktor!» polterte L«re Heidemack, der Stadtversorger. .Schnell um eine» Doctorl» .Um einen Doetor! Um einen Doctor!» wiederholen Mehrere den Ruf — aber keiner der Schreienden rührt sich von der Stelle. .WaS ist lo«?» erkundigte sich Einer in den hinteren Reihe». .Li wei! hat der Rrbbe grschrien — haben Sie'» nicht gehört?» erstattete ihm sein Nebenmann. So kommt« ja auf da« Meine heraus» frohlockte dieser, »habe ich nicht früher behauptet, daß r« wo brennen muß?» „Wo brennt'«? Sagt, wo brennf«? Schnell, wo brennt«!» wurden mehrere Stimmen laut. Die vielköpfige Menge gerirth in brausende Bewegung, wie rin Saatenfeld, über da« der Sturm fahrt. „E« brennt! L« brennt!» erhob sich der Ruf von verschiedenen Seiten. Alsbald fanden sich Mehrere die au» einem Schvin« stein einen verdächtig dichten Qualm und Biele gar. die au» einem solchen eine rauchige Flamme emporschlage» sahen... .Wo ist der Brand? Wo ist der Brand?» tönt r« mitten hinein. Wieder ragt ein Wald von vorgestreckten Zeigefingern in der Höhe und jeder deutete nach einem andern Hause hin . . . .Och« Du!» kreischte Gencndel zu ihrer Nachbarin. .Wa« glotzt Du? Du hörst doch, daß e» in der Stadt b^nnt!' , .Nu. wa« kann ich thun?» .Wa« kann ich tbun?» — äffte ihr Genendel »ach, „laufen wollen wir!» Bride warfen die Tücher um den Kopf und stürzten aus dem Zimmer. „Jetzt wäre gute Gelegenheit die verdammten Juden ein bischen zu plündern» meinte Liner mit einem versoffenen, krrbsrothrn Gesicht, der vor dem Schnapshause unter einer Gruppe von Gesinnungsgenossen sich befand . . . In diesem Augenblick trat der Gabbe au« irgend einem Schankhause und mit ihm ein Neiner christlicher Betteljunge. Hawrelku genannt, der jeden Sabbath die Lichter auslöscht und Beide laufen in schnellstem Galoppe einem benachbarten Hause zu. „Wohin laufen sie denn?» fragte eine der beiden Frauen die sich jetzt auf der Gaffe unter der Menge mischten. „Rindvieh Du! Hörst ja es brennt I» kreischte Genendel. „Und was soll der kleine Hawrelku?» .Nu. der wird löschen!» .Wa» — der löschen!» starrte sie jene verdutzt an. „Kuh, Och« wa« Du bist!» raste Geuendel, „löscht er nicht jeden Sabbath in der Synagoge die Lichter au«, wird er den Brand auch löschen können!» Die Nachbarin war von dieser Erklärung befriedigt und beide rannten der Richtung zu, nach welcher der Gabbe mit dem kleinen Hawrelku eingelenkt hatten. (Schlug folg,.) «ine Simchath.rhor«-«emt»tseen-. von A. Speter tn Hetnebach. E« war am Ende der siebziger Jahre. Da fügte e« da« Schicksal, daß ich länger al« drei Monate in einem holstein'schen Städtchen mein Domicil hatte. E« war «,l eigenartig gebauter Ort diese« — nun nennen wir e«. oi.1 gleich H einen andern Namen führt, — Arfeld. Schall,,,! Linden- und Kastanienalleen durchschneiden nach verschiedene,! Richtungen denselben und hinter diesen Alleen lugen die! villenartia gebauten Häuser und Häuschen, die theil» »o,! schönen Ziergärtchen umgeben sind, wir Narzissen hinter!;rünem Blattwerk versteckt, hervor. Und wo die Gärtche, ehlen, ist fast immer ein Grasplätzchen, gleich einem Smaragd, teppich vor dem Hause autgebreitet. War so da» Aeuftne der Häuser zierlich und schön, so war da« Innere derselbe, nicht minder schön, ja sogar luxuriö« bei den Reichen; da de» wenig Begüterten mindesten« nett und sauber. Daß ich also schr gespannt war. den prachtvollen Tempel — eine, solchen stellte ich mir vor — kennen zu lernen, ist wohl selbstverständlich. Denn, wenn bei profanen Gebäuden s, viel Sorgfalt und Aufmerksamkeit verwendet worden ist, m» da« Angenehme mit dem Nützliche» zu verbinden, um wicvikl ] schöner wird demnach 'da» Gotteshaus sein. Endlich ka» der Freitagabend und der Gang zur Synagoge ivurde angetreten. Zehn bi« fünfzehn Minuten mochte ich ungesähr gegangen sein, da sah mein Auge — mein Traum uo, einem prachtvollen Tempel verschwand — ein kleine«, unansehnliche«. baufällige« Häuschen, während zugleich meine Nase einen scharf übelriechenden Geruch wie von Schweineställen einathmete. Und wirklich kam auch schon da« de, J«raeliten verpönte Borstenvieh in kleinen Exemplaren uni die nächste <£dc gelaufen. Ob diese Vierfüßler Ligenihum einiger christlichen Frauen, die in dem Synagogenl-äuschk, noch Miethwohnungrn gefunden hatten, waren, oder ob sie in der Nähe eine etgenc „Wohnung" hatten, konnte ich nicht erfahren, doch glaube ich annehmen zu dürfen, daß sie ebenfall« im Gotteshaus ein Unterkommen gefunden hatten, da ich in dessen Näh« keine Wohnstätten gewahren konnte. Doch nun rasch in» Innere! Li» tüchtiger Stoß an den Kops machte mich zu meinem tief empfundenen Schmerz (im eigenilichsten Sinn de« Worte«) daraus aufmerksam, daß ich mehr al« normale Körpergröße habe und daß diese« dann oft während alle übrigen Kürpertheile unbehelligt bleibe», mcm Kopf allein .mit Schmerz" empfinde» mußte. Doch ich verbeiße den Schmerz und trete ein Lin kleiner Raum mit diversen alten Gegenständen hat mich uingeben, hüben und drüben in der ordentlichsten Unordnung, wackelige Bänke, m der Mitte das Thora-Borlesepult, im Vordergrund ein ziemlich großer Schrank al« Thoralade, daneben da« altersschwache Pult de« Borbetrr« und an der Seite zur Linken ein Zwinger für wilde und zahme — Mensche». weiblichen Geschlecht». Es warm einige Wochen vergangen, Simchath-thora, da« Fest der Thorafrcude. war hcrangenaht. Arsrld hat noch den polnischen Ritu» und nach diesem Ritus wird der l<- kannte Gang um da« Almemor und da« „Aufrufen" schon am Abend de« Festes vorgcnommen, ganz ähnlich wie nach dem deutschen Ritu« solche« am Tage geschieht Große Freude herrschte darob unter den Kleinen, war nun doch die Zeit gekommen, um die „Fahnen" tragen zu dürfen. L« ist nämlich hier und da Gebrauch, daß Kinder am Feste der Thorafreude Fahnen, auf welchen die Namen der zwöls Stämme stchm, um da« Almemor tragen. So konnte ich also annehmen, daß solche oder ähnliche Fahnen auch hier gemeint seim. Aber wie erstaunt, wie entrüstet war ich al« ich sehm mußte, wie mit dem Heiligsten solcher Unfug getriebm wurde! Denn nur al» Unfug, al» Hohn und Spott auf da« Heiligste kann man e« bezeichnen, wenn an langen 'Haselruthen Münchener Bilderbogm befestigt sind, auf welchen Räubergeschichten, Mährchen und Münchhausiadm in Wort und Bild dargestellt waren. Da« waren also die Fahnen, da« war da« Panier, da« Dir, HauS Israel, in Arfeld am heiligm Festtag vorartragen wurde. — Und nun ging c« an dm „Umzug». Ich hatte die Ehre, an der Spitze de« Zuge«, die heilige Thora, im Arm, zu marschirm, vor mir