Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1884
- Issue
- 45 (1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- Seite 178 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 178 — » . 'j 1 ' IWnnhnb unterließ «4 ihn auf diese« seinen'- letzten .Gärig" z>^ begleiten. Hatten sie ihm nicht diese Ehre »st genug auch beim Leben erwiesen? . . . Joha»«a Goldschmidt. Rekrvlog von Lina Morgenstern. Ein edle», herrliche« Frauenleben ist dechin geschieden. Johanna Goldschmidt, geb. Schwabe, die Begründerin des Fröbelverein« und de« Frvbelhause» zu Hamburg, ist am 10. Oktober sanft in die Ewigkeit hinübergeschlummert. Wenngleich da« hohe Alter der Verklärten ein nahe« Lebensziel voraussetzen ließ, sie stand im 78. Jahre, so werden alle GesinnungSgenossinnen und Freund« der Ber> storbenen um so tiefer und schmerzlicher diesen Verlust einer der Besten unsere» Geschlecht« beklagen, al« da« kräftige Wollen, der frische, starke Geist der seltenen Frau zuletzt noch darin seinen Ausdruck fand, daß sie ihr Erscheinen auf dem soeben beendeten BerbandStag den Fraumverrinm zu Weimar angekündigt und daselbst einm Bortrag angemeldet hatte. Die theure Verstorbene ivar eine der Jüngerinnen Friedrich Fröbel«, die den Meister am Besten verstanden, sein System al« die Reform der weiblichen Erziehung erkannt und am fleißigste« für die Familie bebaut und praktisch eingeführt hatten. Ein Rückblick auf ihr segen«reiche« Leben flößt un« die nnigstr Theilnahme und Ehrerbietung ein. Johanna Boldschmidt wurde al« die Tochter begüterter, wohlangcsehener jüdischer Eltern in Bremenlohe im Hannöverschen geboren. Al« sie sechs Jahre alt war, siedelte sie mit ihren Eltern nach Hamburg über, da« ihr bi« zum Ende eine liebe Heimath geblieben ist. Da« geistig geweckte Mädchen erhielt eine sorgfältige Erziehung und de» besten Unterricht, ihre hervorragende Begabung für Musik wurde beachtet und durch die besten Lehrkräfte gefördert. Auf die religiöse Anschauung wirkte der Unterricht de« israelitischen Prediger- Eduard Kley, der e« verstand, da« Gemüth für einm geküutertcn GcAteSglauben. für Menschenliebe und Pflichttreue zu erwärmen. Froh und friedlich floß ihre.Jugendzeit im Elternhause hin, au« dem sie 1827 in da« ihre« Gatten trat, eine« allgemein geachteten Kaufmann«. Moritz D. Goldschmidt. Ihre Ehe war von acht Kindern gesegnet, denen sich al» zärtliche und denkende Mutter zu widmen Johannen« LebenSauf» fpfe wurde. Erst al« die Pflege und Erziehung derselbm ie nicht mehr ausschließlich beanspruchte, begann Johanna durch Schriftstellerei in dm vierziger Jahrm in die Oeffenllichkeit zu treten. Ihr erste» Buch war zugleich eine Tendenzschrift: .Amalia und Rebekka, Briefwechsel einer christlichen Adligen und einer Israelitin über Zeit- und Lebensfragen". (Leipzig. 1847). Da« Buch erschim ohne ihrm Ramm. Die in gutem und unterhaltmdem Schl geschriebmm Briefe sind der reine Erguß eine« überströmmden Gefühl« au« dem Ringm nach Gerechtigkeit; e« sind Schilderungen von Zuständm und Conflictm zwischen Ehristen und Judm, wie sie leider nach Jahrm friedlichm Zusammengehen« hmte schärfer bestehen, al« selbst damal«. Der Inhalt de« Buche« ist folgmder. Ein israelitische« junge« Mädchen schüttet der tolerantm Tochter eine« Minister«, derm Bekanntschaft sie in einem Seebade gemacht, ihr bedrückte« Herz an« über die Zurücksetzungm und Beschränkungm, welche die Juden überall zu erdulden habm, sie befürwortet die Gleichstellung ihrer GlaubenSamossm, al« dm Jntmtionm de« Stifter« der christlichen Religion am ehesten mtsprechend und setzt dann mit warmer Liebe ihr Glaubm«bekmntniß auseinander. E« war nothwendig, auf dei» Inhalt diese« erstm Werke« zurückzukommm, weil au« ihm Johannen« erste« humane« Wirken, ihre erste Arbeit in der Gemeinsamkeit hervorging. cm* I f't ' t - ' Nn fünften Briefe de« ebm gmanntm Buche« entwickrv sie nämlich dm Plan zu einem Verein, der auf die sittlich, Hebung de« weibliche» Geschlecht« wirken und die begüterte!, gebildeten Frczuen bestimmen sollte, für die minder bemittelte,! und arbeitenden einzutreten, besonder« aber danach streben, den Frauen über die bisherige Beschränkung hinan« menschliche Bildung zu geben. Dieser Gedanke zündete. Eine ihr bi« dahin unbekannte christliche Dame kam z» ihr mit dem Vorschläge, einm solchen Verein begründen zn wollen. Au« dieser Anregung entstand 1848 der Fraumverrin zur Bekämpfung und Ausgleichung religiöser Borurtl^ile, au» dem sich der erste Frauenbildung-verrin in Deutschland entwickelte. Dieser Verein wirkte so erfolgreich, daß. als die Emancipanon der Judm in Hamburg proklamirt wurde, die christlichen Berein-schwestern dm Mischen ein schönet, erhebende« Fest gaben. Jndeß lemte Johanna im Jahre 1848 den großen Pädagogen Friedrich Fröbel kennen. Begeistert lauschte sie semm Borträgen und gehörte zu dm Pionirm, die |rmt Lehre praktisch in den Lürgerkindergärten, wie in der Hoch schule für Mädchen zu verwirklichen trachteten. Damall hatte sie ein neue« Manuskript bemdet: »Mutterfreuden und Muttersorgm". Sir schickte e« an Adolf Diester weg nach Berlin und bat, daß ec dem Buche durch einige einleitende Worte einen Werth verleihe. Diesterweg spendete dem Inhalt einen so eifrigen Beifall, daß er die Vorrede zu dem Buche schrieb und in einem fortgesetzten Briefwechsel sein Interesse an der Verfaffrrin und deren geistiger Richtung bethäiigke. Damal« kannte Adolph Diesterweg Friedrich Fröbel noch nicht. Johanna schrieb ihm begeistert, daß sie in dem Kindergärtner dm Reformator der weiblichen Erziehung erkannt habe. Diesterweg jedoch zeigte sich in der AntwoN al« Gegner Fröbel«. Da schrieb ihm Johanna: .Wie können Sie mir so völlig in Allem beipflichtm und dennoch Fröbel verkennen. Gehm Sie nach Liedmstein und lernm ihn selbst kenne»! Diesterweg« Antwort lautete: .Sie sollen sich in mir nicht geirrt haben, ich gehe persönlich nach Liebenstei» und prüfe!' Bekanntlich war da« Resultat diese« Zusammentreffen« im Jahre 1849 eine Freundschaft der beiden Pädagogen für» Leben. — Johanna begründete nun den Fröbelverein, mit dem besonderen Zwecke. Kindergärtnerinnen für die Familie auszubilden. Diese Schöpfung, der sie als Präsidentin bis zu ihrem Tode mit unendlicher Liebe, großer Energie und confequmter Behandlung Vorstand, ist die fruchtreichste Thal ihre«, dem Guten grweihetrn Leben«. Dadurch, daß sie sich diesem Verein und seine Zwecke fortan ausschließlich widmete, unter Mitwirkung vortrefflicher Frauen und Männer, vermochte sie Mustergültige» zu leisten. Die AuSbildungS-Anstalt de« Fröbelverein«, im eigenen Hause, verbunden mit Pension und Kindergarten, ist eine echte Schule für den erziehlichen und pflegenden Mutterberuf. Sie war aber nicht nur Präsidentin ihre« Verein», sondern auch selbst thätige Lehrerin in der Au«bildung«-Anstalt, und zwar in der von ihr bi« in» höchste Alter gesiegten Kunst der Musik; noch bi« vor wenigen Jahrm leitete sie den Gesangsunterricht. Außer zerstteutm Aufsätzen in einzelnen Journale» hat Frau Goldschmidt nur noch ein Buch 1864 veröffentlicht: .Blicke in die Familie". Eine unausgesetzte Theilnahme schenkte sie der Entwickelung der Fraumbewegung auf dem Gebiete der Erziehung. Auf den Frauentagen, die sie besuchte, vertrat sie mit Begeisterung und großer Wärme Friedrich Fröbel« Kindergartensystem und dessen Einfluß auf eine verbefferte Familimerziehung; ihr Blick blieb jedoch auch alle» anderen Frauenbestrrbuugcn und gemeinnützigen Werkm wohlwollend geöffnet. So zeigte sie ein besondere« Interesse für die Votksküchm, die, auf Hamburg« Bodm übertragm, da« Werk ihrer Tochter, der Frau Dr. Henriette Salomon sind. Sie selbst hat »och im vergangenm Jahre diese« Interesse und chr theilnehmcnde«