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Jüdisches Familienblatt · 1884-01-01 · 45 (1884) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1884
Issue
45 (1884)
Date
1884-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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,K4fc 1884. Jüdisches tttUifi-l/i/jf 3«r Jtotr r|iltin g i. Kelehr««- fit -ie israelitische Zagend. Inhalt: Der Senbit. von Raihan Samuely. (Aortiebung.) — Johanna vioibschmibl. -tekroloa von Lina Morgenstern. — Zur M on iesiore»Fe ier. Berlin — Srrfrlb. — tritt. — Cd«. — Bad Itm«. — wrilburq. — Älogau. — Leipzig. — ftonih. — Wien. — Pest. — Bac»-Topolia. — Staub und Asche. — Rilthsel-Aufgaben. — Riiihsellüsungen. Der Sendik. Bon Ratban Samuely. (Schluß.) »Gnädiger Herr Richter . . . .* rechtfertigte sich dieser, doch mußte er sich unterbrechen, denn rin erneuerter asthmatischer Anfall machte ihn mitten drin stocken .Gnädiger Herr Richter" fuhr er dann wieder unter gellendem Husten fort, indem er sich bei der Brust hielt .ich kann davon nicht lassen . . . denn ... ich leide... an einem Herzfehler!" .Nein, Herr Richter" knirschte der Aermstr mit dem Fuße stampfend .Nein, sage ich Ihnen, er hustet nur so zum Vergnügen, ivril e« mich ärgert!" Da fing gar auch der Richter zu keuchen an, daß er schier erstickte — er bekam einen Lachkrampf. Der Angeklagte versäumte nicht, ihn zu begleiten und so husteten und keuchten sie beide um die Wette, während der Arme mit einem entsetzlichen Fluch aus der Amtsstube stürzte. Draußen empfing ihn die ganze, große Kapelle der .Leuchhustenden" und so unter diesen musikalischen Klängen setzte er wie rin gehetztes Thier die Straße hinunter. In «ahnsinnigrr Berzweiflung rettete er sich in da» Hau» de» Rabbiner». Bei seinem Anblicke fühlten just alle, die dort anwesend waren, in sich da» Bcdürfniß, ein Bischen zu husten. .Sie, warum Hüften Sic!!!" fuhr er Einen von ihnxp mit knirschenden Zähnen und wildrollrnden Augen an. .Nur so ein bifiel für eigenen Gebrauch," rechtfertigte sich dieser. .Aber ich sage Ihne». Sir sind ei» Lügner; nicht für eigenen Gebrauch!" stampfte der Arme. Jetzt aber fing erst recht Alle« was lebte für eigenen üebrauch zu husten an. .Rabbileb", verlegte sich der Unglückliche aufs Bitten und Flehen, .heiliger, guter, süßer, barmherziger Rabbileb! Ich vergehe, ich sterbe, ich werde ivahnsinnig. retten Sie mich, nur Sie allein können mein Retter sein. Schauen Sie mich au. ich bin ein halber Mensch, bin ganz von Kräften!" Der Arme hatte die traurigste Wahrheit gesprochen, die bei nüchterner Bettachtung. Einem in» Herz treffen mußte. Sein einst volle« Gesicht war abgegrämt und zusammengeschrumpft, seine einst schöne aufrechte Gestalt gebrochen und gckrümmt, der Bart stand in Borstenbüscheln ihm um da« derkümmerte Gesicht und gar unheimlich hingen die großen, buschigen Augenbrauen über dir halberloschenen Augen. In dem Rabbiner mag auch dieser Anblick tiefe« Mittob erregt haben. .Ader nehmen Sie doch Berstand an" suchte er ihn zu beruhigen. .Ich soll Berstand annehmeu?" weinte der Arrmste »und bie Leute plagm mich mit ihrem Husten. Ich kann« nicht «hr au«halten. Retten Sie mich Rabbileb, ich bitte, retten vie mich!" »Beruhigen Sie sich nur" vertröstete ihn der Rabbiner. »Ich werde schon etwa« dagegen thun!" Und der Rabbiner hielt auch Wort. Am nächsten Sabbath nach dem Beten, bestieg der Vorsteher selber den Almemor und nachvem der Schamesch einige mal mit seiner Plätte, der .Pralnik" genannt, gegen den Tisch hieb, zum Zeichen, daß jetzt etwa« Wichtige« zur allgemeinen Keuutnig gebracht werden wird, Hub er init lauter Stimme an: .Der ganze Olem*) wird im Namen de« Rabbiners, im Namen de« Vorstande« und im Namen aller Angesehenen der Kehille schön gebeten, nicht mehr zu husten, denn . . ." Mehr konnte er nicht zu Worte kommen, denn just in diesetn Augenblick bekam der »ganze Olem" einen asthmatischen Anfall, der nicht mehr zu stillen war. Von Tag zu Tag kam Jener tiefer herunter, er war ganz gebrochen. Seinen Stecken mit dem silbernen Griff, konnte er nicht mehr als Nothwehr benützen. denn er mußte ihn als Stütze haben, damit er nicht umsinke. Nicht einmal seiner Stimme konnte er sich gehörig bedienen, denn sie glich nunmehr dem unverständlichen Bellen eine« Hunde«. ... Er war ein Bild de« Jammer« — aber noch immer wollten die Leute ihren Husten nicht einstellcn. Da geschah e« eine« Tage«, daß die Leute der Gemeinde endlich doch aushörten, dem »Sendik zu Ehren" — wie sie sich immer ausdrückten — zu husten, denn er zeigte ja gar nicht mehr sein Gesicht der Gasse — dafür aber hustete jetzt er .der Gemeinde zu Ehreti" und wahrhaftig, e« war ein ernste«, sehr ernste« Husten. . . Der Arzt bot alle medizinischen Künste auf. dem verwünschte» Husten Einhalt zu thun. aber e« gelang ihm eben so wenig, wie früher dem Armen, dem Husten der Gemeinde zu steuern. Meine Geschichte müßte sehr traurig werden, wenn ich etwa» genauer den Verlauf diese« seine« eigenen Husten« schildern wollte, denn er plagte und quälte ihn fast noch mehr al« der fremde, al« der der ganzen Gemeinde. Aber e« kam bald der Tag. daß auch er den Husten verloren hat, ganz und gar verloren. — Und da standen die Leute der ganzen Kehille in hellen Schaaren vor seinem Häu«chen angesammelt — nicht, wie e« oft zu geschehen pflegte, uin ihm eine .Hustrnserenade" zu bringen — sonl^rn um ihn liebevoll zu erwarten, denn er sollte ja bald draußen erscheinen. Er ließ auch lange auf sich nicht warten und erschien — aber nur getragen von vier Leuten aus einer Todtenbahre. Jetzt hustete Rieinand mehr, weder er. noch die ganze Gemeinde, dafür klingeln gar unheimlich dir Almosenbüchsen in den Händen der beiden Synagogendiener. die dem Zuge vora«gingen und die diesen unheimlichen Klang jedesmal mit dem Rufe begleiten: .Wohlthätigkeit rettet vom Tode!" Die Leute in S. sind wohltbätig — jeder warf für da» Seelenheil de« Verstorbenen seii.en Pfennig in die Sammelbüchse. "1 Die ganze Versammlung.

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