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Jüdisches Familienblatt · 1884-01-01 · 40-41 (1884) · p. Seite 161

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1884
Issue
40-41 (1884)
Date
1884-01-01
Page
Seite 161 (sequence 5)
Language
German
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— 181 „Wo« der Sendik?" drängten sie. „Hat mich blutig geschlagen!" ergänzte der Arme mit inerncher Stimme. „Hast Du ihn gereizt?" suchten sie zu erfahren. „Rein", betheuerte er. „vielmehr habe ich ihn schön artig it feit Worten gegrüßt: guten Morgen Reb Sendik". ,AH. so hast Du ihn ja tödtlich beleidigt". „Womit beleidigt?" Da erfuhr erst der unschuldige Onkel, wa« Reb Sendik -eute. . . Sendik war eigentlich nur sein Spitznamen, denn mit inem wirklichen Romen hieß er Amrom Joseph. Woher der dieser Spitznamen? Ah. wenn der Leser da« wissen will, muß h ihn etwa« tiefer in da« Leben diese« Manne« blicken lassen. Schon in seinem vierten Jahre war unser Awrom Joseph „ Vater und Mutter verwaist und so kam e«, daß ihn Mt armen Verwandten, die ihn nach dem Ableben seiner ittnt, zu sich ausgenommen, schon in seinem siebenten Jahre , einem Handlungsgeschäft al« Laufbursche verwenden ließen, •mit der Junge e« lerite. sich selber im Leben durchzuschlagen, tanh seine Ehrlichkeit und Pflichttreue jedoch gelang e» ihm, ch im Verlaufe von mehreren Jahren vom Laufburschen zum zchj'.sen. vom Gehilfen zum Eommi-, vom Eommi« zum -eichäft«führrr und von diesem endlich zum alleinigen Beiser cinr« kleinen Geschäftchen« einporzuarbeiten. Natürlich ist ti, daß er unter diesen Brrhällniflen ohne Lk» weitere Wissen zum Manne herangewachsen ist. ja er pantc nicht einmal hebräisch lesen, wa« bei Juden zu dm ligoii seltenen Fällen gehört. Da« jedoch war nicht Hindemiß, «g sich für ihn eine Frau fand — freilich eine au» niedriger Klktschicht — und daß GottrSsegen in seinem Geschäft ■cltrtt Ob dieser Segen in ihm einen gewiflen Ehr» p) hervonief, oder war rin solcher in ihm schon früher »rhondcn, Thatsachr ist e« einmal, daß unser Awrom Joseph ftt ehrgeizig wurde. Doch diesen Ehrgeiz befriedigen? Za, damit ging e« eben nicht so leicht. In der Gemeinde itjend etwa« vorstellen? — dafür war er doch der Mann ««feiger Abkunft und dazu, wie dir Leute sagten, ein Amhorez*) ja ein Amhorez, der seine« Gleichen suchen muß. Doch phi da« nicht in Wirklichkeit, so will er wenigsten« da« tatsehen haben, wie einer der würdigen, behäbige» Lmte Kt ilehille, dir schwer aus'« Gewicht gehen. Da« kann ihm 'kn Mensch in der Welt verwehren und c« wehrte ihm auch Fernand. Awrom Joseph brauchte nur die äußeren Mittel, fctm sein „Gestell" war ganz respektabel anzusrhen: buschige lligenbraunrn, ein volle« Gesicht, ein Bart groß und au«ge» vachsen. eine üppige, breitspurige Gestalt, genug, alle« wa» gehört. Die äußeren Mittel wieder waren um« liebe Geld zu bekommen: ein Marderkvlpak, eine knatternde Katon- Ptische. eine Hornbrille, ein großer Stecken mit einein silberne» Griff und eine tiefe runde Tabaksdose. Awrom 8»ieph erschien in der Gaffe mit dirsrtn Aufzuge, eine gelungene )»>>ta»o» von einem Rabbiner. So Mancher wollte bei kjon Anblick sich schirr krank lache», mochte auch bei sich pfechl habm. der tvird mit der Zeit einen guten „Meschuintn“*) abgebrn, doch Awrom Joseph wußte nicht« davon «d war mit sich zuftieden. Eine« nur fehlte ihm zu seinem Glücke — Kindersegen. Doch rin Man», der mit einem einer Brille, einem Stecken und einer Tabaksdose Ißb da« zu ersetzen wußte, >va« ihm zu einem Vornehmen der iGaneindk fehlt, wußte auch dafür Ersatz. Er ließ rin Ikeser Thora für dir Synagoge schreiben, den» da« — so hat l# gehört — ersetzt sogar männliche Nachkommenschaft. An tad ließ er r« nicht sparen, damit daffelbe reich au«ge» I tatet sei. Der Tag, an welchem da« Sefer Thora der I taaagogr übergeben ttKrbtn soll — da« war sein Vorsatz — |JBS ein Jubeltag für die ganze Gemeinde werden, damit I Me et wissen, daß Awrom Josef etwa« ganz und nicht halb I tat E« sollte auch so werden. (Fortsetzung folgt.) I *) Uin Unwiffrnder. I *) Hin verrückter. Die Geschichte meines Großvaters. Erzählung von Fan»! Reuda. (Echluh.) lNachdruck Der Tag. an dem die« vorging, war ein Sabbath. Wer die Sabbathnachmittagtstunden de« alten Ghetto kennt, wird wissen. wie freundlich und gcmüthlich sie verliefen, und wie, bei günstiger Jahreszeit, da« friedliche Familienleben au« dem Innern der Häuser auf die Gasse übertrat. Herr und Knecht, Frau und Mard, der oehaglichen Ruhe pflegend, vergnügten sich zumeist vor ihren Thüren. die Einen süßem Halbschlummer hingegeben, oder in jüdischen Legendenbüchern lesend, die Ander» mit Nachbarn und Freunden plaudernd, während die Kinder um sie her allerlei Spiel und Kurz» weil trieben. An jenem Sabbath. dem EmpfangStage de« Erzherzog«, saßen nach Tische, im Schatten ihre« kleinen, wrißgetünchten Hause« Abraham und sein Frau. Drinnen im reinlichen Gemach«, an dem mit dem rothgeblümten Sabbathtuche bedeckten Tisch« sitzend, la« Rachel in einem Buche. Vielleicht hatte sie sich damit so zurückgezogen, weil da« Buch ein deutsche«, und al« solche« damals von der älter» Generation für ein profane«, ja ketzerisches angesehen wurde. Da» Mädchen jedoch war entzückt von dem Werke. E« war da« Drama „Nathan der Weise", da« sich in ihrem jugendlichen Kreise bereit» große Verehrung errungen hatte. „Rachel, mein Kind, geschwind komm heran« und schau!" rief plötzlich Mirjam durch'« offene Fenster zu ihr hinein. Die Gerufene legte da« Buch weg und sprang hinau« auf die Gasse. Draußen musterten die Nachbarn, die in ihrem voloe fer ment« gern eine Zerstreuung aufgriffen — mit dem Ausdrucke der größten Neugierde drei Männer, welche eben in der Gaffe erschienen waren. An ihren goldstrozendrn Livräeu erkannte man diese leicht al» Diener de« Erzherzog». Sie trugen drei große, schüngezierte Karton« sorgsam in Händen und schritten damit dem Hause de« Hoflieferanten zu, in da« sie, al« sie e« erreicht hatten, eintratcn. ..Wa« soll da« sein? Wa« mögen die Schachteln enthalten? Sind sie für Löw bestimmt?" So tönten die Fragen hinüber und herüber. Und Mirjam? Mirjam, bist auch Du in diesem Augenblicke von nicht« Anderem al« Neugierde beivegt? Klopft Dir Dein Mutterherz nicht ahnungsvoll? Sagt e« Dir nicht, daß vielleicht in dieser Stunde eine wohlthätige, mächtige Hand da« Geschick Deine« geliebten Sohne« in eine heißersehnte, lichtvolle Phase rückt? Oben im Zimmer bei Löw Hobe» sich indrß die Deckel der überbrachten Karton«. Sie enthielten Geschenke de» Prinzen für die drei Töchter seine« Hof-Lieferanten. prachtvolle Seidenstoffe, von smaragdgrüner Farbe, init Gold gestickt, bestimmt zu ihren einftigcn Brautanzügcn; dabei befanden sich für jede ein Gürtel mit goldener Schnalle, ein Halsband mit goldenen Nesteln besetzt und dem rnsprechcndcn Schuhe. Die durch diese Herrlichkeiten freudig überraschte Familie ward noch freudiger erregt, al« der erlauchte Spender selbst bald darauf eintrat. Eine halbe Stunde ivährle der Besuch de» hohen Gaste«. Er ließ sich von Löw Frau und Töchter vorstellen und diese dankten ihm verschämt unter vielen Bücklingen für seine schönen Geschenke. Riwka kredenzte ihm Wein und Backwerk; dann zog sie sich schüchtern zurück und verließ mit den Mädchen das Zimmer. Karl aber sagte zu Löw: .Heiße Deine älteste Tochter bleiben, ich habe mit ihr zu reden." Al« diese darauf zurück kam, sprach er. sie freundlich betrachtend: „Also. D'i bist Sarah?" und fügte hinzu: „Ick habe Dir. liebe« Kind, nicht nur einen Brautanzug*), sondern auch einen Bräutigam ausgesucht. *) Diesen Anzug hat di« Verfasserin al« Erbstück noch gesehen.

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