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Jüdisches Familienblatt · 1884-01-01 · 40-41 (1884) · p. Seite 160

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1884
Issue
40-41 (1884)
Date
1884-01-01
Page
Seite 160 (sequence 4)
Language
German
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ICO — empfingt« die spülen Gäste mit Erstaunen, nachdem fie aber die Ursache erfahren und die Bätrr ihre Linder vri lobt hatten, saßen sie ganz heiter und tranken von dein Weine, den Moschele aufeinem Keller gebracht hatte. .Wißt Ihr auch, wem Ihr die« Glück verdankt, nächst Gott?" fragte Isakowicz. Jede« der Brautleute schaute seinen Vater an. „Nicht mir. nicht Dann, sondern dem da." Damit jiog er da« krri-amtliche Schriftstück auder Tasche, „dem da und dem Trunkenbold von einem Landdragoner. - .Kann ich endlich erfahren, wa» drinn steht?- schrie Moschele ärgerlich. „Ja, dasollt Ihr," und er la-: ^-hl S3M. Der Jude Divise« Dami wird hiermit al« Vorsteher der Judengemeind« zu fl. ausgrsorderl, den uns durch Denunziation vom 17. Februar zur'Kenntnis! gelangten, den Brttehr nach der Stadt LH. ftvrenden, vor dem Brchause zu Z. liegenden Schnerhausen binnen ach« lagen, vom »m an gerechnet, aus Koste» der Judengcmeinde zu fl. «egrLumen en, solchermahen die tiandstrage wieder in de« Stand der Aahrbartei» setzend. Widrigensall» wird de« Juden Divise« Dann empfindliche Strasr angedroht. titegeden zu Krakau, am lfi. Dktlrz 18S4. Der k. k. Krel«hauptmann. Müller.' Durch da» geöffnete Fenster drang da« Helle Lachen der Frauen in die warme Soinmernachl hinau«. Moschele aber saß nachdenklich da; er mochte überlegen, wie gut e« sei, deutsch lesen zu können, wie ein Gelehrter, und zierlich schreiben, wie ein christlicher GerichtSschreiber. Der Seudtt. Bon Dathan Lamuelq. Fast kein Städtchen giebt e« in Galizien, da« nicht seinm »Verrückenhat, und dieser ist in der Regel ein Product eigenen Fabrikat«, da» heißt, den sich die Leute selber durch ihr redliche« Bemühe» zum Wahnsinnigen verarbeiten. Mein Gott, wa« bleiktt ihnen denn ander« übrig? So den galten lieben Tag müßig in den Gaffen herum- «gern, sich gegenseitig angähnrn, daß man glauben müßte, sie wollen einander verschlingen — da« wird am Ende Einein dock zu fad. Da wird Einer, der die meiste natürliche Anlage dafür hat, in die Arbeit genommen und zum Verrückte» präparirt. . . Da« gewährt Zerstreuung, bietet Beschäftigung und schärft auch rin Bischen die Erfindu»g«gabr, denn wa» gehört nicht Alle« dazu, einem Menschen den Funken Verstand au»zulvschrn? Da müffen Hetzen arrangirt werden, eine förmliche Treibjagd. Spitznamen au«gedacht Verden, verschiedene Streiche. Schabernacke und sonstige Reizmittelchen. die da« arme dazu bestimmte Opfer wir unter brennende Kohlen versetzen . . . genug, e» gehört viel dazu aber die Roth macht erfinderisch, und muß nicht der Mensch sich allort« eine Beschäftigung suchen? . . . Der Mann, der den Namen meiner Erzählung führt, ist der beste Bewei« für die frühere Behauptung, denn auch er war von den Leuten seiner Kehille *) dazu au-erlesen, mit der Zeit ihr Verrückter zu werden, freilich weil er gute Anlagen dazu zeigte. . . Eigentlich waren ihm diese Art Anlagen durchaus nicht anzusehen, vielmehr sah er täuschend einem würdigen Mann der Kehille ähnlich, einem Rabbiner, oder zum mindesten einem Vorsteher. Er hatte eine volle üppige Gestalt, bewegte sich langsam und behäbig, hatte buschige Augenbraune», einen mit Silberhaaren durckwirkten breiten Bart, der sein volle« Gesicht umkreiste, dazu trug er einen Kolpak. *) eine glänzend schwarze Katonpekische, die wie Blech knatterte, eine große Hornbrille aus der Rose, in der Hand einen schwarzen Stecken mit einem silbernen Griff und schnupfte au» einer tiefen runden Tabaksdose, kurz, er erschien mit dem ganzen Apvarat eine« Wohlgelahrten — und dennoch, wer seine Bekanntschaft machte, mußte sich überzeugen, daß er r« mit einem Halb verrücken zu thun habe, daß die Leute der Stadt nur netz die letze Hand an ihn zu legen haben, um in ihm ihr sch-wt Werk zu vollenden. . . Mein Onkel S. machte einige Tage nach seiner Hochzen seine Bekanntschaft und so sehr prägte sich diese in seine, Gedächtnis rin. daß er noch heute, trotz der zwanzig Jahre die dazwischen liegen, von derselben so gut zu erzählen weiß al« ob sie erst gestern gewesen wäre. . . Mein Onkel S. kam au« einem fernen aalizischen Städtche, in da« Hau« meine« Großvater«, deffr» Tochter er geheiratet Er war ein talmudbeflisiener junger Mann und al« solch» wollte er mit allen Vornehmen der Gemeinde in nähen Beziehung treten. Da fügte e« sich, daß er einige Tax nach seiner Hochzeit den Mann unserer Erzählung sich entgegrnkommrn sah uiit dem ganzen imposanten Aufzuge der ihm da- Au-sehen eine« Rabbiner« gab, mit dem große, Kolpak, der Hornbrille, dem silberbeschlagenen Stecken »ad der tiefen, runden Tabaksdose, au« der er eifrig schnupfte.. Ist e« da rin Wunder, daß ihm dieser Mann in hohem Maße interessirte? Eiligst suchte er sich über ihn bei einem Bekannten zu erkundigen. Dieser Bekannte jedoch liebte ei, von Zeit zu Zrft rii«» lustigen Streich auszuführen, uat da« lebhafte Interesse, da» mein Onkel für jenen Man, zeigte, bot ihm gute Gelegenheit dazu. . . .Kennen Sir nicht unfern Reb Scndik?- fragte er i, scheinbarer Verwunderung. .Woher den»?- meinte der Onkel naiv, .ich bi» doch kein Hiesiger-. ,Ah, da verlohnt sich« der Mühe, seine Bekanntschasi zu machen", sagte er. .Am Besten werde» Sie e« zu Wege bringen, wenn Sie bei der ersten besten Begegnung ih, je nach der Tage«zeit freundlich grüßen: Guten Morgen Reb Sendik oder guten Abend Reb Sendik!" Mein Onkel hatte gar rasende Eile, den weisen Rath de« Bekannten zu befolgen. Tag« darauf stand er schon früh Morgen« wie eine Schildtvache vor dein Häuschen postirt, au« dem er ihn immer herauagrhen sah. Nicht lange dauerte e«, daß auch der so Ersehnte da« Häu«chen verließ. . . »Guten Morgen-, beeilte sich Onkel S. mit lauter Stimme ihn zu begrüßen, »guten Morgen Reb Sendik!' Da jedoch wollte dem armen Onkel schier da« Herz stille stehe», denn Reb Sendik holte mit dem silberbrschlagenen Steckn weit au« und jach! fährt e« ihm über die Schulter... .Warum schlage», Red Sendik?- stammelte der Onkel ganz entsetzt. »Du Scheigiz, *) sag' ich Dir-, gab Reb Sendik zur Antwort, indem er jede« Wort mit seinem Stecken aus dea armen Rücken scharf untrrstrich, »Du Hultai**) sag' ich Dir. wart', ich werd' Dich lehre», sag' ich Dir!" Ratllrlich wollte mein Onket nicht warten auf die weite« Lehre, sonder» setzte seine beiden Füge in gar rasenden Eilmarsch. aber hinter ihm setzte Red Sendik mit dem Sinke« nach und schrie unan«gesetzt: »Wart' Du Schrigrz, ich werd' Dir alle Glieder zerbrechen I- Jch brauche nickt erst zu sagen, daß auch diese« schöne Versprechen meine» Onkel nicht bewegen konnte, zu warte» und daß er sich nur i» um so größer» Galopp setzte, uw« ihm auch möglich machte, bald da« Hau« seine« Schwiegervater«, bei dem er wohnte, zu erreichen, und mit Angstschiveiß bedeck, keuchend und athrmlo« in« Zimmer zu stürzen. . - »Wa« ist geschehen? Wa« ist geschehen?- umringte« ihn der Schwiegervater, die Schwiegermutter und Ihre Tochter, ■ seine Frau. „Der Mann mit dem Kolpak . . . .- keuchte der arme Onkel. „Welcher Man» mit dem Kolpak?" „Der Sendik . . *) Die Okmctnbf. *) Line fl« runde Mütze, gewöhnlich au« Marder. ') Du Unwürdiger. ") Schutte.

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