Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1884
- Issue
- 40-41 (1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- Seite 158 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 158 — Da« war wohl schon an fünfzehn Jahr« her. Moschele war unterdeffm ein reicher Man« geworden — man schützte ihn auf 10 000 Gulden Schein —- hatte da« Wanderlebm aufgegebm und sich daheim ein so große« Waarenlager an« gelegt, daß er für seine früheren Genoffen der Großhändler werdm konnte. wogegen sich anfang« die Weiber sträubten, weil sie den Gedanken nicht vertrugen, die ehemalige Näherin könne nunmehr alle ihre Kostbarkeiten von Sonntag früh bi« zum Sabbath ungeniert besehen und betasten. Später hatte er begonnen, die Leiter der Ehren emporzuklimmen, und jetzt sehen wir ihn al« Oberhaupt der Judengemeinde. Zn dieser Würde fühlte er sich recht behaglich und genoß auch die Achtung aller Leute, bi« auf einen, dem man diese« Ehrenamt weyen seiner Herrschsucht entzogen hatte. Dieser eine war der Lehrer Ephraim Jlakowicz. em langer, hagerer Mensch mit tiefliegenden, funkelnden Augen und magerem, scharfgeschnittenem Gesichte. Er hatte etwa« Hastige« an sich in Geberde, Sprache und Bang, eine Unruhe, die ansteckend wirkte. Dieser Mann war Moschele'« Todfeind; er haßte ihn. und zwar nicht de«halb, weil Moschele reicher und angesehener war. sondern »veil er ihn nicht kränken, ihm kein Herzeleid zu fügen konnte. Und Isakowicz war e«. der nun eine« Tage« auf Moschele zukam; er grüßte nicht, schaute vielmehr trotzig vor sich hin und seine Bewegung zum Weiteraehen zeigte, welche Qual e« ihm bereite, stehen zu bleiben. Finster blickend sagte er: »Dann, ich habe mit Euch zu reden. Dann." Moschele zeigte auf die Bank. Isakowicz sab ihn starr an, setzt« sich aber nicht, sondern sprach, während sein Gesicht einen lauernden Zug annahm, hastig weiter: »Dann, mein Sohn will Eure Tochter zum Weibe.- .Wollt Ihr?- fragte Moschele ruhig. „Rein," schrie Isakowicz und seine Hände ballten sich, während seine Zähne da« Bmnsteinmundstück der Pfeife so heftig biffen. daß e« knisternd zerbröckelte. .Nein, Dann, ich . will nicht, aber ein Narr wird krank vor Herzweb nach Gurer Ruth *- und da« ist mein Sohn. Gebt Ihr sie ihm zum Weibe?- »Hm.- sagte Moschele. »wenn Ihr nicht wollt. Isakowicz. so will ich auch nicht-. »Warum wollt Ihr nicht?- fuhr Isakowicz ihn an; »ist mein Sohn weniger wohlgestaltet al« Eure Tochter? Kann er nicht deutsch lesen wie rin Gelehrter und zierlich schreiben wie ein christlicher Gericht-schreiber? Sagt. Moschele, könnt Ihr da«? Oder glaubt Ihr. daß er weniger weise ist, weil Sin Vater nicht mehr den früheren Reichthum und da« frühere nsehen besitzt? O, Geld giebt noch nicht Verstand Ischloß er bitter. Moschele lächelte: »aber Verstand erhält e«-. Isakowicz erbleichte, sein Blick flammte. O, Moschele wußte ihn gut zu treffen. »Gut,- murmelte er zwischen den Zähnen, »gut. Dann, nehmt nun den Vater auf Euer Gewissen und den Sohn.- Damit wendete er sich zum Gehen. »Rein, Isakowicz, Euer Sohn wäre mir schon recht al« Eidam; er ist brav und flink, und meine Tochter sieht ihn gar gern. Aber Ihr haßt mich! Soll ich da« Kind, mein einzige« Kind, in die Hand meine« Todesfeinde« liefern? Jur verlangt sie für Euren Sohn; warum bittet Ihr nicht, Isakowicz, warum bittet Ihr nicht?- »Ich belüge meinen Feind nicht, Dann,- antwortete er stolz und ging ohne Gruß davon. Moschele schaute ihm nach, schüttelte ärgerlich den Kopf und blie« den Rauch heftiger au« dem Munde. Au« dem offenen Fenster hörte er sein Weib reden und seine Tochter leise weinen; sie standen beide über einer großen, grünlackirtm Truhe, au« der blendende« Linnen, ganze Stücke feiner geblerchter Rumburger Leinwand herausblinkte und waren, al« die Männer draußen verhandelten, im Begriffe, eine« davon kunstgekecht in mehrere Stücke zu zerschneiden. Moschele erhob sich, ging zum Fenster und sah seine schlanke, braunäugige Ruth, umarmt von der Mutter, die ihr gütig zusprach. Er lächelte den Frauen zu und sprach heiter: »Er wird nach, geben, Ruth, weine nur nicht-. In diesem Augenblicke hörte er ein laute« Halloh, das von Kinderlehlen kam, und bald sah er einen stattlich«, Dragoner zu Pferde in die menschenleere Straße einlenkea. Bon allen Seiten liefen schmutzige Kinder mit Hellen Freudenruft» herbei, selbst die alte Jachet humpelte heran; denn die Anwesenheit de« Landdragoner« im Flecken war seit mehrere, Jahrm etwa« Unerhörte«. E« konnte gar nicht« Gute» bedmten, weil der Mann so drohend mit dem glänzende, Säbel raffelte. Erschreckt trat Moschele vom Fenster weg. nicht ohne da«selbe vorher geschloffen zu haben, fuhr rasch in seine, Kaftan und erwartete da« Kommende. Der Dragoner rin an ihn heran, und fragte, indem er seinm martialisch«, Schnurrbart grimmig strich und Moschele. der da« Sammikäppchen vom Haupte genommen und e« demüthig zwischen seinm Fingern drehte, von Kopf bi« Fuß strenge maß: »Bist Du der Moisr« Dann?- »Ja. Herr, der bin ich- »So Hab' ich Dir diese Schrift vom Krei»hauptman, zu übergeben; und nun. Jude, die Hitze hat mir die Zunge an dm Gaumen geklebt, gied zu trinken.- Moschele hielt da« Papier in der Hand und blicke verlegen bald auf diese«, bald auf den Landdragoner, der vom Pferde gespmngen war und sein Roß an dir Hau», thüre festband. »Geruhe der Herr Landdragoner nur einzutrrten, i, kühlen Zimmer wird sich noch ein guter Tropfm finden ' »Da« ist ein Wort.- Und damit klopfte er Moschele derb auf die Schulter, eine Liebkosung, die dieser mit ein» schmerzlichen Lächeln erwiderte. Al« sie dann im klrinm Zimmer saßm und der Landdragoner, welcher sich ein Alä«chm nach dem andern ringog, redselig geworden war. entnahm Moschele ^vorsichtig unter der Tischdecke seinem Geldbmtel ein schwere« Silberstück un» schob e« dem Dragoner sachte hin. Zugleich hov er da« krei«amtliche Dokummt mit den Fingerspitzen in dir Hche und zwinkerte mit dm Augm, al« wollte er recht schlau d'reinschaucn. »Weiß der Herr, wa» da d'rinn steht?- fragte er. Der Dragoner steckte da« Silberstück schmunzelnd ei». »Rein,- sagte er, „aber wa« Wichtige» muß e« sein, dea, der Herr KreiShauptmann sagte, al« er mir'« gab. e» sei sofort zu besorgen, e« sei dringmd; und da« war schon im März.' Moschele entfärbte sich, seine Hand zitterte. „Und kan, der Herr Landdragoner lesen?' „Lesen?' Er machte rin höchst wichtige« Gesicht und begann laut zu gähnm? „Hm. ein wenig, und Du. Jude? „Ich lese nur Ziffrr», Herr." Er öffnete vorsichtig da» Schriftstück und reichte dasselbe dem Dragoner hin. Dieser hielt e« zuerst seinm Augen ganz nahe, dann mtferntc er e« recht weit, schließlich brachte er e« kopfschüttelnd wieder näher und schaute mit überaus verächtlicher Miene hinein. „Qm, wa« da zu oberst steht, muß da» Wichtigste sei», dmn e« ist ganz dick geschrieben und noch dazu unterstrichen siehst Du." „Und wa« steht dort, Herr?' fragte Moschele. der sich über dm Tisch hinüber beugte und mit weitgeöffnetc» Auge, in« Papier starrte. „Warle nur. ich Hab'« bald herau«. Da« da, siehst Dn, ist ein „Zeit" sZ) und da« Uebrige" —r sein rothei <^esich> verschwand auf einen Augmblick hinter dem Papiere — da« Ganze," rief er triumphirend, »heißt Zahl 235». D» hast also 2354 Gulden zu zahlen, verstehst Du?' Moschele sprang auf und riß dem Dragoner da« Pa?" au« der Hand. Wirklich dort stand da« Schreckliche: 235». »Um Gotte« Willen, welche Unglück, welche« Unglück jammerte Moschele, »und wofür da«, wofür da« «tle, schöne Geld?-